Emotionen erzählen mit Werkzeugen

Die großen und kleinen Helfer im kreativen Alltag. Sie machen einem das erschaffende Arbeitsleben leichter und sorgen für Nachschub an Ideen. Wie kommt ihr zu euren Einfällen? Ich bin immer an neuen Methoden interessiert und stelle sie gern hier vor.

Miksang (2) – Fotomotive erspüren

Miksang ist eine ganz eigene Technik, mit deren Hilfe man ohne viel technischen Schnickschnack schöne Fotos macht. Ganz nebenbei hilft sie auch, unsere Umgebung mit neuen Augen zu sehen und kann sogar zur Entspannung genutzt werden. Ich erkläre euch in diesem Artikel die letzten beiden Phasen zum ersten, eigenen Miksang-Foto.

Was habe ich für tolles Feedback von euch für den ersten Artikel dieser kleinen Serie erhalten. Vielen Dank dafür. Um so mehr freue ich mich, euch nun den zweiten Teil präsentieren zu können.

Zu Beginn dieser Serie erklärte ich euch die erste Phase dieser Technik – das Sehen. Dazu beschrieb ich eine tolle Übung, die man als Miksang-Anfänger vor dem Fotografieren durchführen sollte, um die eigene Wahrnehmung zu schärfen. Diese erhöhte Aufmerksamkeit brauchen wir für das, was gleich kommen wird (hier geht’s zur Übung).

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an die Kamera, fertig, los

Mit der erwähnten Übung habe ich also meine Wahrnehmung zu Beginn meines Ausfluges geschärft. Nun schnappe ich mir meine Kamera und gehe raus. Ich setze mir kein Ziel, keinen Zeitrahmen, nichts. Sollten sich heute keine Fotos ergeben, ist es auch nicht schlimm. Dann war ich wenigstens eine Runde draußen an der frischen Luft.

Plötzlich erhaschen Regentropfen auf einer Motorhaube meine Aufmerksamkeit – ein kleiner, schwacher Wahrnehmungsblitz wie ich ihn im ersten Artikel beschrieb. Naja, Regentropfen, sind im Herbst ja nichts Ungewöhnliches. Hat man schon tausendfach gesehen. Ich gehe weiter.

Wenig später fallen mir die nassen Kopfsteinpflaster unter mir auf. Irgendwie gefällt mir die glänzende Oberfläche; aber auch das Motiv haut mich nicht so sehr vom Hocker, dass sich ein Foto „lohnt“. So geht es eine Weile weiter. Ich werde nervös; will endlich ein Foto für diesen Artikel hier schießen – ein gutes Foto; eins, dass Lust auf mehr macht. Aber so wird das nichts. Ich hänge in der Falle. Zwei Hindernisse stehen mir im Weg, die ich schon im ersten Artikel kurz ansprach:

Zum einen bin ich nicht im Hier und Jetzt. Meine Gedanken kreisen um diesen Blogartikel. Für Miksang-Fotos muss ich aber alle Gedanken loslassen und mich auf die Gegenwart konzentrieren. Zum anderen urteile ich zu schnell über die schönen Dinge, die ich wahrnehme. Ich verurteile alles zu „langweilig, tausendmal gesehen“ usw. statt mich einfach daran zu erfreuen. Natürlich habe ich schon tausende Regentropfen gesehen; die eben entdeckten Tropfen gefielen mir trotzdem. Also warum nicht auch diese festhalten?

Damit wird mir so einiges klar. Der nächste Wahrnehmungsblitz braucht eine Weile, aber schließlich bringen mich angelehnte Stühle an Tischen zum Stehen. Laut Miksang folgt nun…miksang2-1

Phase 2 – verstehen

Sobald einen etwas gestoppt hat, lohnt es sich, einen Moment zu verweilen und genau hinzuschauen – besser gesagt: zu genießen. Das vergisst man nur zu gern mit einer Kamera in der Hand. Also genieße ich den Moment. Für den nächsten Schritt hilft es, folgende Fragen zu beantworten:

Was genau ist es, dass mich zum Stoppen brachte? Ist es die Farbe? Die Form? Die Anordnung der Dinge? Die Stofflichkeit bzw. Textur? Möchte ich es anfassen?

Nur wenn man versteht, was genau einen zum Stehenbleiben brachte, kann man es auch entsprechend auf’s Foto bannen. Dabei ist es wichtig, dass man sich auch klar macht, was nicht zum Wahrnehmungsblitz gehört.

miksang2-6Manche Motive vereinen verschiedene tolle Eigenschaften: Ein rostiges Stück Metall kann sowohl tolle Texturen, wie auch spannende Muster oder schöne Farben haben. Da stellt sich dann die Frage – Was nimmt man als Erstes wahr? Darauf sollte man sich konzentrieren.

Ich genieße meine Entdeckung noch etwas; hebe meine Kamera, und beginne mit…

Phase 3 – festhalten

Erst jetzt kommt der technische Aspekt des Fotografierens hinzu. Ziel soll es sein, den Wahrnehmungsblitz genau so festzuhalten, wie man ihn vor Ort erlebte. Jegliche Verfälschung des Moments sollte man dabei möglichst vermeiden. Versuche auch nicht, den ersten Eindruck noch verstärken zu wollen. Die erste Wahrnehmung ist sowieso meist auch die beste.

Nimm alles scharf, was zum Wahrnehmungsblitz gehört. Was nicht dazu gehört, lass unscharf werden, oder besser noch: Halten es ganz aus dem Bild raus, denn es wird den Betrachter des Fotos nur ablenken.

Beim Blick durch den Sucher frage dich, ob es das war, was dich stoppen ließ, bevor du abdrückst. Wenn es die Technik nicht zulässt, deinen Wahrnehmungsblitz entsprechend abzulichten, dann akzeptiere es und gehe weiter. Die Welt steckt voller Wunder.

Lass dich nicht vom Bildformat einengen, das die Kamera vorgibt. Du kannst hinterher die Ränder beschneiden und das passende Format festlegen.

Ich drücke ab und siehe da, es ist vollbracht.

Anfängerfehler

Während des Miksang-Workshops bei Hiltrud Enders machte ich einen Anfängerfehler, den ich euch gern beschreiben möchte, da er sehr gut die Anweisungen der dritten Phase klar macht:

miksang2-2Auf einem Marktplatz entdeckte ich ein paar Rollbretter, an deren Seiten Gestänge emporragten. Diese Linien gefielen mir. Da ich an dem Tag schon so einige Fotos geschossen hatte, hob ich ganz routiniert meine Kamera zum Auge und machte ein Foto. Am Ende jeden Tages des Wochenendworkshops präsentierten alle Teilnehmer ihre schönsten Fotos und wir sprachen gemeinsam darüber. Ich zeigte unter anderem dieses Foto. Hiltrud erklärte mir in ihrer wunderbar angenehmen Art, was ich hätte besser machen können:

Mich brachte die Anordnung der Stangen zum Stehen. Ich hatte jedoch die Kamera so eingestellt, dass sie hauptsächlich die Stange in der Mitte scharf stellte. Der Rest wurde unscharf. Schließlich war ich es seit je her gewohnt, mit möglichst viel Unschärfe zu fotografieren.

Sie erklärte mir, dass ich damit den Blick des Betrachters lenke und ihm unterbewusst befehle, er solle sich auf die mittlere Stange konzentrieren. Zum Wahrnehmungsblitz gehört aber die Anordnung ALLER Stangen zueinander. Um meine Wahrnehmung dem Betrachter besser zu vermitteln, hätte also lieber alle Stangen scharf genommen. Jetzt ist das Bild zwar trotzdem ein schönes Foto, aber es ist nicht die Wahrnehmung, die mich stoppen ließ. Besonders für Miksang-Anfänger empfiehlt es sich aber, darauf zu achten. Das öffnete mir die Augen. Seit diesem Moment arbeite ich mehr mit dem Schärfebereich. Unscharf kann ja jeder.

mehr Miksang, aber nicht so streng

miksang2-5Wahrscheinlich wirkt die Technik, wie ich sie hier beschreibe recht streng. Eigentlich ist sie das aber gar nicht. Um Miksang zu erlernen, nimmt man in der Regel an diversen Workshops teil, die aufeinander aufbauen. Ich besuchten dazu den ersten Workshop mit dem Titel „Das gute Auge öffnen“ bei Hiltrud Enders. Dieser Wochenendkurs ist absichtlich etwas restriktiv aufgebaut, um festgefahrene Gewohnheiten zu durchbrechen. Hiltrud versicherte mir, dass die weiterführenden Workshops viel mehr Freiräume zulassen.

Übrigens: Ich habe natürlich nicht alles aus dem Workshop preisgegeben. Der erste Kurs ist Umfangreicher und bietet weitere Übungen, als hier beschrieben. Wenn ihr mehr Infos zur Technik und den Kursen, sowie weitere Bilder anschauen wollt, kann ich euch die Seite miksang-fotografie.de sehr ans Herz legen.

Miksang mit Videokameras

Die Idee mit den Wahrnehmungsblitzen veränderte meinen Horizont in Bezug auf Bilder. Eigentlich wurde die Miksang-Technik für die Fotografie entwickelt, doch ich Wette, dass man damit auch eine Szene erfrischend anders drehen kann. Deshalb habe ich mich entschieden, im Januar einen dritten Artikel zum Thema Miksang anzugehen. Ich möchte eine Szene ganz klassisch in Master / Schuss / Gegenschuss auflösen und dann die gleiche Szene frei nach Miksang filmen. Ob das Ergebnis besser wirkt, oder nicht, könnt ihr dann selbst entscheiden. Bis dahin wünsche ich euch viel Spaß mit der Miksang-Technik und freue mich auf eure Erfahrungsberichte und Fotos.

 

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