Emotionen erzählen mit Werkzeugen

Die großen und kleinen Helfer im kreativen Alltag. Sie machen einem das erschaffende Arbeitsleben leichter und sorgen für Nachschub an Ideen. Wie kommt ihr zu euren Einfällen? Ich bin immer an neuen Methoden interessiert und stelle sie gern hier vor.

Miksang (1) – anders fotografieren

Ob als Fotograf oder Kameramann, irgendwann kommt man an einen Punkt, an dem man all die klassischen Aufnahmen nicht mehr sehen kann. Miksang ist eine erfrischend andere Art, Bilder zu machen, ganz ohne teure Technik. Ich nahm an einem Workshop zu dieser besonderen Technik teil. Von meinen Erfahrungen mit dieser Technik werde ich euch in diesem und in einem weiteren Artikel berichten. 

Miksang wurde zwar für die Fotografie entwickelt, man kann diese Technik aber in abgewandelter Form auch für Videos verwenden. Der Einfachheit halber werde ich mich hier erst einmal nur auf die Fotografie beschränken.

eine Kampfansage an den Standard

Wie geht ihr normalerweise vor, wenn ihr eine Person fotografiert? Wenn es mehr als nur ein Schnappschuss werden soll, überlege ich mir, was ich an der abzulichtenden Person hervorheben möchte. Dementsprechend positioniere ich mich und die Person im Raum. Dann schaue ich durch die Kamera, stelle die Brennweite ein und suche das Bild nach auffälligen Formen und Linien ab, die den Blick führen. Als Blende wird sowieso immer die kleinstmögliche gewählt, für möglichst viel Unschärfe. Klick – ein Probefoto. Farbe anpassen, Licht verbessern, dann endlich Feuer frei und irgendwann ist das gewünschte Foto im Kasten, naja fast. Denn danach muss natürlich noch die Nachbearbeitung am Rechner folgen. Grob zusammengefasst: ich komponiere das Foto und verändere alle Parameter wie Licht, Farbe und Pose auf das Ziel hin, das möglichst schönste aus meinem Motiv herauszuholen. Mit Natürlichkeit hat das nichts mehr zutun – doch das ist für mich Standard.Briefkästen toll angeordnet

Miksang verfolgt einen ganz anderen Ansatz: Sie klingt nicht nur wie eine asiatische Kampfsportart, diese Technik ist gefühlt eine Kampfansage an den Standard. Hier wird nichts komponiert, keine Aufmerksamkeit gelenkt, eine Nachbearbeitung ist verpönt. Das erinnert auf den ersten Blick an das Dogma 95 Manifest, verfolgt aber im Detail einen ganz anderen Weg.

Diese Technik verlagert den Schwerpunkt im Prozess des Fotografierens auf die Momente, bevor die Kamera angefasst wird. Das Foto soll möglichst unverfälscht die Realität abbilden und sie nicht „verbessern“. Dazu wird das Fotografieren in 3 Phasen aufgeteilt:

 sehen  verstehen  festhalten

 

Phase 1 – sehen und wirklich sehenNagel im alten Holz

Es klingt so einfach, ist es aber ganz und gar nicht. Wir sehen ständig und eigentlich auch nicht, denn sofort wird alles Gesehene gefiltert. Egal was man sieht, das Gehirn filtert alles, damit das Bewusstsein nicht mit Eindrücken überflutet wird. Auf einer Fototour beispielsweise suche ich normalerweise nach etwas, dass es wert ist, fotografiert zu werden. Doch wenn ich zu verbissen suche, verkrampfe ich nur und finde am Ende gar nichts mehr Fotografierenswertes.

Bei der Miksang-Fotografie hingegen betrachtet man mehr, als dass man sucht. Ihr kennt doch sicherlich diesen Moment, wenn man seinen Blick schweifen lässt, und plötzlich entdeckt man etwas Tolles! Man spürt es; das ist schön, das möchte man unbedingt festhalten. Um diesen Wahrnehmungsblitz geht es bei Miksang. Damit dieser um so häufiger eintritt, kann man seine Wahrnehmung trainieren. Dabei stehen einem allerdings 2 Hindernisse im Weg:

Man ist nicht im Hier und Jetzt. Man ist im Kopf ganz wo anders. Gedanken lassen einen unaufmerksam werden.
Man erlebt etwas zwar im Hier und Jetzt, aber man steckt alles sofort in bekannte Schubladen und tut alles erlebte damit ab, ohne Neugierde.


Gegen das erste Hindernis hilft Meditation und die folgende Aufwärmübung. Beim Zweiten muss man aktiv dagegen arbeiten und das Besondere trotz der geöffneten Schublade sehen. Ich stelle euch erst die Übung vor und erkläre danach, was mit der Wahrnehmung passiert.

Aufwärmübung – mit den Augen fotografieren

Diese Übung empfiehlt sich für Miksang-Anfänger zu Beginn jeder Fototour, quasi als Aufwärmung für die eigene Wahrnehmung. Man sollte sich 10min dazu Zeit nehmen:


Suche dir irgend einen Ort aus, an dem du dich für die Dauer der Übung nicht groß wegbewegen musst. Außerdem sollte sich um dich herum möglichst wenig in der Umgebung ändern. Sich mitten auf einen Fahrradweg zu stellen, macht also hierfür wenig Sinn.


Den Timer auf deinem Handy, oder etwas Ähnlichem, stellst du auf 10min und steckst es in die Tasche.


Augen schließen.


Jetzt spürst du deine Füße. Wie fühlen sich die Schuhe an? Sitzen sie locker oder eng? Stehst du mehr auf den Ballen, oder mehr auf den Fersen?


Spüre deinen Atem. Wie viel Luft strömt durch die Nase? Heben sich eher die Schultern, oder mehr der Bauch? Wie schnell atmest du?


Nun öffnest du schlagartig die Augen und schaust auf einen Punkt, der dir als erstes entgegen springt. Sofort werden die Augen behutsam geschlossen. Das Ganze dauert nicht länger als eine halbe Sekunde. Du hat also keine Zeit, mit den Augen groß herumzuschauen und zu selektieren, was du denn ansehen möchtest. Du musst das sehen, was dir als erstes in den Blick kam. Du machst quasi ein „Foto“ mit deinen Augen.


Während die Augen geschlossen sind, behältst du noch kurz das „Foto“ vor deinem geistigen Auge, genießt es und lässt es dann auflösen, wegschmelzen oder wegwehen.


Drehe dich um 90° und wiederhole die Schritte 6 bis 8, bis die 10min vorbei sind.


rostige Fahrradklingel

Was mit meiner Wahrnehmung geschah

Ich kann absolut empfehlen, selbst die Übung auszuprobieren. Für alle, die es nicht abwarten können, beschreibe ich, was mit meiner Wahrnehmung geschah.

auf das Kreuz klicken, um meine Erfahrung mit der Übung zu lesen (Achtung Spoiler)
Während der ersten Runden ist die Welt um mich herum noch spannend. Ich schaue mal etwas mehr nach oben, mal weiter nach unten. Ich sehe knallige Farben, markante Logos und Formen. Ich zwinge mich, auch in weniger aufregende Ecken zu schauen, doch es nützt nichts. Mir wird langweilig.

Ich drehe die nächsten Minuten meine Runden und komme mir etwas blöd vor. Bis hier hin hat meine Wahrnehmung die Reize aufgenommen, die mich förmlich angeschrien haben. Knallige Farben springen einem förmlich ins Auge. Markante Logos sind entwickelt wurden, damit sie auffallen. Ich habe nun alles schon mindestens einmal mit meinen Augen „fotografiert“. Mein Körper entspannt sich. Mein Blick schweift umher. Die Langeweile wird anstrengend. Dann passiert es.

Obwohl ich angeblich alles schon gesehen habe, fallen mir plötzlich Dinge auf, denen ich vorher keine Beachtung geschenkt habe. Äste von Bäumen ergeben spannende Muster, am unteren Rand eines Fahrradständers zeigt sich Rost, an einem Auto fehlt eine Radkappe. Diese Detail sehe ich Wort wörtlich erst auf dem zweiten Blick. Sie schreien mich nicht an; Sie springen nicht ins Auge; Und trotzdem sind diese Detail schön. Meine Wahrnehmung hat sich erweitert.

Jetzt bin ich bereit, mit meiner Kamera loszuziehen und Miksang-Fotos zu machen. Wie das genau von statten geht, erkläre ich im nächsten Artikel. Darin wird es um die anderen beiden Phasen der Fotografie gehen: verstehen und festhalten. Was haltet ihr von der Aufwärmübung? Habt ihr die gleichen Erfahrungen damit gemacht?

Für mehr Fotos und Infos zu Miksang kann ich euch die Website von Hiltrud Enders sehr ans Herz legen:

miksang-fotografie.de

Sie ist eine wundervolle Person und der Workshop bei Ihr hat richtig viel Spaß gemacht. Meine absolute Empfehlung. Jetzt her mit der Kamera und raus hier!

Oder hier weiterlesen: Miksang (2) – Fotomotive erspüren

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