Emotionen erzählen mit Köpfchen

Diese Rubrik ist die Sammelbox zum Blog. Hier stehen alle Entdeckungen, allgemeine Gedanken und Ideen zum Thema Emotionen erzählen. Habt ihr etwas gefunden, dass prima in diese bunte Sammelbox passen könnte? Ich schaue es mir gern an.

Freihandelsabkommen TTIP schadet unserer Film- & TV-Branche

Frankreich setzte sich letztes Jahr erfolgreich dafür ein, dass audiovisuelle Medien vom Freihandelsabkommen ausgeschlossen wurden. Als Medienmacher beruhigte mich das. Doch diese Ruhe wird nun von den Amerikanern torpediert. Sie drohen, die UN-Handelsklassifikationen zu ändern, sodass audiovisuelle Medien als Telekommunikationsdienstleitungen gelten. Durch diese „Neudefinition“ wäre die Ausnahmeregelung dahin. Grund genug, genauer hinzuschauen, welche Auswirkungen das auf die hiesige Film- und TV-Branche haben könnte.

Im Kern soll das Freihandelsabkommen zwischen den USA und Europa, kurz TTIP, Handelshemmnisse, wie Zölle und uneinheitliche Standards abbauen und so den Austausch von Waren zwischen den Kontinenten erleichtern. Es könnten sich z.B. neue Erfindungen noch schneller verbreiten, als sie es jetzt schon tun, und deutsche Filme könnten günstiger in den USA verkauft werden. Dafür muss man aber in Kauf nehmen, dass amerikanische Filme in Deutschland günstiger angeboten werden können.

gleiche Chancen für alle, oder nicht?

Laut der SPIO, dem Spitzenorganisation der Filmwirtschaft e.V., würde sich hier ein Ungleichgewicht auftun (Link zur Stellungnahme). In den Staaten gibt es kaum Arthouse-Kinos. Das allgemeine Interesse an Filmen abseits vom Mainstream ist also geringer. Außerdem müssen die im Vergleich zu den amerikanischen Konzernen unsere kleineren Verleiher in Deutschland erst einmal die hohen Synchronisationskosten stemmen. Dabei sind die Zuschauer von Übersee Synchronisationen absolut nicht gewohnt. Auch gelten deutsche Schauspieler in den Staaten kaum als Stars und sind deshalb dort auch kein Kaufargument.

Deshalb kommt die SPIO zu dem Schluss, dass durch das TTIP kaum zusätzliches Marktpotential für die hiesige Industrie entstehen würde – ganz im Gegensatz zur amerikanischen Seite. Es ist damit zu rechnen, dass unser Markt noch mehr mit amerikanischen Filmen und Serien zu noch günstigeren Preisen zersetzt wird. Schon heute kaufen Sender wie ProSieben lieber amerikanische Produktionen ein, als selbst fiktionale Inhalte zu produzieren, das da viel teurer wäre.

Laut einem Artikel der Deutschen Welle schätzen Experten, „dass die deutsche Kinofilmproduktion sich um die Hälfte und die von Fernsehfilmen um ein Drittel reduzieren würde.“

Die Chancen für Unternehmen auf beiden Seiten des Atlantik sind also sehr ungleich Verteilt und damit ein Risiko besonders für Europa.

Unternehmen können Staaten verklagen

Obwohl das schon Grund genug ist, für den Erhalt der Ausnahmeregelung audiovisueller Medien beim TTIP zu kämpfen, bringt dieses Abkommen ein noch viel weitreichenderes Problem mit sich: die Investor-Staat-Klagen.

Konzerne sollen damit die Möglichkeit bekommen, gegen Staaten zu klagen und Entschädigungszahlungen zu fordern, wenn Gesetze der jeweiligen Länder die Gewinne beeinträchtigen oder Investitionen unrentabel werden.

damit wird nichts anderes als die Demokratie zugunsten von Konzernen ausgehebelt. Schließlich könnte ja ein Volk eine Partei wählen, die dann Gesetze verabschiedet zu Ungunsten weniger großer Unternehmen.

Vattenfall hat das schon wunderbar demonstriert: 2011 verklagte der Konzern Deutschland auf 3,5 Milliarden Euro Schadensersatz, weil durch die Energiewende 2 Atomkraftwerke frühzeitig vom Netz genommen werden mussten. Grundlage der Klage bildete auch hier ein internationales Abkommen: die Energiecharta, die Deutschland 1994 unterzeichnete. Der Ausgang der Klage ist noch offen. Die Verhandlungen sind geheim. Wir bekommen also nicht mit, wie hoch die Entschädigung am Ende ausfallen wird und wie damit unsere Steuergelder in den Konzern gepumpt werden.

Mit dem TTIP sind ähnliche Szenarios auch in unserem Mediensektor denkbar. International agierende Konzerne wie CNN oder Viacom dürften dann Deutschland auf Schadensersatz verklagen, weil die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten die Chancen auf dem Markt zu deren Ungunsten verschieben. Auch unser Fördersystem könnte zur Zielscheibe werden.

Die audiovisuellen Medien müssen unbedingt vom Freihandelsabkommen ausgeschlossen bleiben. Dabei ist die richtige Formulierung entscheidend, sodass unsere Filme später nicht einfach als Telekommunikationsdienstleitungen umdefiniert werden können.

Übrigens: Im TTIP werden auch Themen, wie genetische veränderte Lebensmittel, Reinigungsverfahren für Lebensmittel mit Hilfe von giftigen Chemikalien uvm. verhandelt. Wenn ihr also etwas dagegen tun möchtet, dann solltet ihr am besten dieses Thema teilen und verbreiten, damit es weiter in die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit rückt. Auch die Verhandlungen zum TTIP sind geheim, sodass wir irgendwann alle vor vollendete Tatsachen gestellt werden, wenn wir nicht aufpassen.

 

Wie steht ihr zu Thema TTIP? Ist das Freihandelsabkommen eine Chance oder ein Fluch?

weitere Quellen und Links

 ZDF Zoom
http://www.zdf.de/ZDFmediathek/podcast/1323454?view=podcast

 WDR Mosaik 3 Teiler
http://www.wdr3.de/zeitgeschehen/freihandelsabkommen126.html
http://www.wdr3.de/literatur/kulturzwei100.html
http://www.wdr3.de/literatur/freihandelsabkommenIII100.html

 Blogartikel bei Out-Takes
http://www.out-takes.de/index.php/2013/kultur-als-ausnahme-eine-petition-fur-europas-kino/

 Interview mit Volker Schlöndorff zu TTIP in der Sendung Studio 9 von Deutschlandradio Kultur

http://ondemand-mp3.dradio.de/file/dradio/2014/06/21/drk_20140621_0748_ca99ecf4.mp3

Update 9.10.2014 – CETA

Dank der Medien erfährt mittlerweile die breite Masse von dem Thema – trotz Geheimhaltung der Verhandlungen. Im Schatten von TTIP konnten allerdings die Verhandlungen zum Freihandelsabkommen mit Kanada, CETA genannt, ungestört abgeschlossen werden. Dieses gilt als Blaupause für TTIP und beinhaltet ebenfalls das sehr schädliche Investor-Staat-Schiedsverfahren. Dass amerikanische Medienkonzerne im Handumdrehen Tochterfirmen in Kanada hochziehen können, um deren Produkte quasi über Eck nach Europa zu exportieren, brauche ich hier nicht zu erwähnen.

Gerade entstehen diverse Unterschriftenaktionen gegen diese Abkommen, wie z.B. das internationale Bündnis „Stop TTIP“. Das wird von über 240 europäischen Organisationen unterstützt – z.B. von der AG DOK. Das Bündnis kann jeder von uns mit seiner digitalen Unterschrift unterstützen.

Update 18.11.2014 – GDAE Institut simmuliert Auswirkungen von TTIP

Es gibt mal wieder spannendes zum Thema TTIP zu berichten. Das GDAE Institut der Universität Tufts (USA) simulierte die Auswirkungen vom TTIP und kommt zu folgenden Ergebnissen:

 Nordeuropäische Staaten werden innerhalb eines Jahrzehnts ein Exportverlust erleiden. Deutschlands Exporte würden um 1,14% sinken.

 Das BIP der Nordeuropäischen Länder wird sinken. Allen voran das von Frankreich und Deutschland (-0,29%).

 Das durchschnittliche Jahreseinkommen deutscher Arbeiter würde um 3.400€ sinken.

 In Nordeuropa würden über eine halbe Millionen Arbeitsplätze verloren gehen. In Deutschland schätzungsweise 134.000 Stellen.

 Die finanzielle Instabilität aller beteiligten Länder wird sich verstärken.

Wenn man das alles so liest, fragt man sich, wo denn angeblich diese wirtschaftlichen Vorteile dank TTIP sein sollen. Hier könnt ihr alles nachlesen.

 

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