Emotionen erzählen mit Köpfchen

Diese Rubrik ist die Sammelbox zum Blog. Hier stehen alle Entdeckungen, allgemeine Gedanken und Ideen zum Thema Emotionen erzählen. Habt ihr etwas gefunden, dass prima in diese bunte Sammelbox passen könnte? Ich schaue es mir gern an.

Studie: TV-Sender verschlafen goldene Zeiten

Die Tage erreichte mich eine Studie mit dem Titel „Schlafwandler – Verschläft das Fernsehen sein goldenes Zeitalter?“ Da ich das Dokument so spannend finde, fasse ich hier für euch die wichtigsten Erkenntnisse dieser Untersuchung zusammen:

Anfänglich führt die Studie, durchgeführt von Convergent Media Consulting, den aktuellen Zustand des Marktes auf. Zu den privaten Sendergruppen bleiben mir solche Sätze haften:

„Die Strategie der beiden großen Senderfamilien, Medien- gruppe RTL Deutschland und ProSiebenSat.1, ist im Kerngeschäft Fernsehen darauf gerichtet, Profitabilität zu maximieren. Dies funktionierte noch bis 2014 mit möglichst kostengünstigen Inhalten der Kategorie Scripted Factual. Die Reichweiten dieser Formate gehen aber drastisch zurück.“

Die Öffentlich-Rechtlichen hingegen scheinen sich zur Zeit mehr darauf zu konzentrieren, ihr riesiges Firmennetz mit allen Tochterfirmen in Griff zu bekommen und zu Crossmedia-Anbietern zu erweitern, während inhaltlich in den vergangenen Jahren auf altbewährte Konzepte gesetzt wurde.

Ok, damit haben wir also den momentanen Stand geklärt. Fakt ist bei diesem aktuellen Zustand aber auch, dass Netflix, Amazon und Co. als Konkurrenten einen starken Zulauf erhalten und Over-the-Top-Dienste, kurz OTT, wie Youtube bei den jüngeren Generationen das Fernsehen als Hauptunterhaltungsmedium ablösen. Deshalb beschäftigt sich die Studie im Kern mit der Frage, ob sich die etablierten Sender die Vorteile dieser Anbieter  selbst zu nutze machen, um längerfristig ihre Marktmacht halten zu können. Konkret äußert sich das in folgenden drei Fragen (anklicken zum Öffnen):


1) Erhöht sich der Programmschwerpunkt auf fiktionale Inhalte?

Studie-Sendeinhalt

Fiktionale Inhalte sind das A und O bei Video-on-Demand-Anbietern. Überraschenderweise liegt ProSieben mit 61% des Sendeinhaltes einsam an der Spitze, was den Anteil an fiktionalen Inhalten angeht. Der Sender baute gleichwohl wie ARD und Sat.1 seine fiktionalen Programminhalte in den letzten Jahren weiter aus. RTL und ZDF hingegen reduzierten im gleichen Zeitraum den Anteil an fiktionalen Produktionen.


2) Verlieren Billigformate wie Scripted Reality an Bedeutung?

Gerade das Gegenteil ist der Fall: Obwohl RTL vom „Ausstieg“ aus den Reality-Formaten spricht, sank der Anteil dieser Sendungen seit 2011 um gerade einmal 1,6%. Sat.1 erhöhte seit 2011 seinen Anteil um sage und schreibe 14,8%. Im gleichen Zeitraum sank der Marktanteil des Senders um 2%.

Bei den Öffentlich-Rechtlichen und ProSieben spielt diese Kategorie keine nennenswerte Rolle.


3) Wie hoch ist der Anteil an Erstausstrahlungen?

Studie-Erstausstrahlung

Die Studie betrachtet hier nicht die absolute Anzahl an Erstausstrahlungen, sondern den Anteil im Verhältnis zu den dazu zur Verfügung gestellten Sendeminuten. Dadurch ergibt sich bei allen betrachteten Sendern ein Anteil an Wiederholungen von über 70%. Es konnte bei keinem Sender der Versucht gemessen werden, durch mehr Erstausstrahlungen die Zuschauer an sich zu binden.


Es zeigt sich also, dass die hiesigen Sender die Vorteile der Video-on-Demand-Konkurenten nicht für sich nutzen. Warum ist das so? Auch diese Frage stellte sich Convergent Media Consulting, weshalb sich die Autoren im 2. Teil der Studie folgender Thesen widmeten:


Erwartet das Publikum eventuell kein anderes Programm?

Studie-Anteil-TVNutzung

Grob gesagt kann man dieser Aussage zustimmen. Die Daten zeigen, dass sich der Anteil an fiktional bestückten Sendeminuten prozentual gesehen nahezu mit der Zeit deckt, die die Zuschauer mit dem Genuss fiktionaler Unterhaltung aufwenden. Außerdem stiegen die Abozahlen von Sky nicht an, während der Bezahlsender sein Angebot fiktionaler Inhalte ausbaute.


Verlieren die Sender ihre Fiction-Fans an die Pay-TV- und VoD-Anbieter?

Weder im deutschsprachigen Raum, noch in den USA gibt es momentan Anzeichen dafür, dass nun das Ende des linearen Fernsehens bevorsteht. VoD-Dienste werden quasi schlicht zusätzlich in Anspruch genommen. Lediglich bei Sky in Großbritanien sinken die Abozahlen des linearen Angebotes, während die Nutzer des Nichtlinearen Angebotes steigen.


Mit diesen Daten im Kopf wird klar, warum unsere Sender hierzulande keinen Druck verspüren, sich inhaltlich zu verändern. Vielleicht tut sich auf der Seite der Produzenten etwas, denn schließlich können Sender nur das ausstrahlen, was produziert wird:


Welchen Einflussmöglichkeiten haben in dieser Situation die Produzenten?

Kurz gesagt: Nicht viele. Bei ProSieben fallen gerade einmal 2% der gezeigten Inhalte auf deutsche Produktionen. Sat1 kommt auf 16%. RTL ist dagegen mit immerhin 44% vergleichsweise ausgeglichen aufgestellt. Man kann also nicht behaupten, dass es typisch für werbefinanzierte Sender sei, nur amerikanische Produkte auszustrahlen. Die Öffentlich-Rechtlichen liegen hier zwar weit vorn mit 73% bei ZDF und sogar 78% bei der ARD; allerdings muss man hier erwähnen, dass sich die Herstellung des Großteils dieser deutschen Produktionen auf eigene Tochterfirmen beschränkt. Also bleibt auch hier der Einfluss der Produzenten sehr eingeschränkt.


Auf welche Kategorien setzen die großen Produzenten?

In den letzten Jahren lagen die Produzenten mit Factual Entertainment auf der Gewinnstrecke. Entsprechend spezialisierten sich viele Produktionsfirmen darauf. Doch mit dem Boom von Scripted Reality und Co. war es 2014 vorbei, als selbst der Marktführer MME seinen Anteilseignern vom Rückgang berichten musste. Seit diesem Jahr gibt es erste Anzeichen, dass die Sender fiktionale Inhalte wiederentdecken: die ARD machte mit dem Wegfall eines Talkformates einen neuen Sendeplatz für fiktionalen Inhalt frei und ProSiebenSat.1 rief zu einem internationalen Ideenwettbewerb auf.


Entwickeln sie auf eigenes Risiko Stoffe, um den Ansturm auf VoD-Anbieter für sich zu nutzen?

Hier steht ein ganz klares NEIN. Bei den derzeit für die Produzenten herrschenden Bedingungen bleibt ihnen keine andere Möglichkeit, als ausschließlich nach den Wünschen der Sender zu produzieren. Das Risiko, auf eigene Faust Inhalte herzustellen und diese dann hinterher Sendern anzubieten, kann und will sich hierzulande kaum jemand leisten.


Im nächsten Abschnitt schauen sich die Autoren die Altersverteilung der Zuschauer an. Die Zuschauer der Öffentlich-Rechtlichen sind im Durchschnitt viel zu alt, was die Sender vor ein Legitimationsproblem stellt. In der Studie sieht man hier vor allem einen Grund für dieses Problem: Die Fernsehmacher altern mit ihrem Publikum mit, während nicht ansatzweise genug Nachwuchs hinter der Kamera herangezogen wird. Egal wie hip und cool sich die alten Hasen, die fest in ihren Sätteln sitzen, geben; sie können die Herausforderungen und Gedanken der jüngeren Generationen nicht genügen verstehen und umsetzen. 

Außerdem ist anhand der Programmgestaltung der letzten Jahre erkennbar, dass mittlerweile ein wirtschaftliches Sicherheitsdenken in den Führungsetagen der Sender nahezu jeglichen Mut zu wirklich neuen TV-Wagnissen erstickt. Das könnte sich als Fallstrick im Kampf gegen die Konkurrenz aus dem Internet herausstellen.

„Den öffentlich-rechtlichen Programmveranstaltern fehlt damit erkennbar ein ernstzunehmender Sparringspartner, der bereit ist, ihnen konstruktiv weh zu tun, um sie aus ihrer heutigen Komfortzone zu holen.“

Zu diesem Fazit kommen die Autoren gegen Ende des Dokuments. Dieser Mut, aus der aktuellen Komfortzone herauszutreten, wird immer dringender, wenn die Öffentlich-Rechtlichen eine fundamentale Umstrukturierung durch die Politik, wie es derzeit der BBC in Großbritanien ergeht, vermeiden wollen. Schon jetzt formieren sich immer mehr Interessengruppen gegen die GEZ-Zwangsgebühren. Es ist also nur eine Frage der Zeit, bis die Politik handeln muss. Trotzdem wägen sich diese Sendergruppen als Marktführer derzeit fest im Sattel. Da deshalb aktuell kein Sparringspartner zur Verfügung steht, muss dieser Mut zu Veränderungen aus dem Inneren der Sendergruppen selbst hervorgehen.

Wer meinen Artikel zum Thema „Gottkomplex im deutschen Fernsehen“ gelesen hat, der weiß, dass solch ein Mut nicht von führenden Unternehmen und Marken zu erwarten ist. Dazu sitzt es sich viel zu bequem auf den Thron – an der Spitze der Branche. Ich sehe in Deutschland derzeit nicht das „goldenen Zeitalter des Fernsehens“ kommen, sondern eher „das goldene Zeitalter für Video-on-Demand-Anbieter und Youtube“. Mich interessiert brennend eure Meinung zu diesem Thema. Schreibt mir doch unten einen Kommentar. Hat euch mein Artikel gefallen, dann freue ich mich, wenn ihr ihn mit anderen teilt;

euer Heiko

Weiterführende Links und Quellen

Link zu einem kleinen Artikel dieser Studie:
 „http://www.horizont.net/medien/nachrichten/Studie-TV-Sender-verschlafen-das-Goldene-Zeitalter-136235“

Link zur Studie als PDF:
http://www.convergentmedia.at/Convergent%20Media%202015%20-%20TV%20Marktstudie.pdf

 

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