Emotionen erzählen mit Köpfchen

Diese Rubrik ist die Sammelbox zum Blog. Hier stehen alle Entdeckungen, allgemeine Gedanken und Ideen zum Thema Emotionen erzählen. Habt ihr etwas gefunden, dass prima in diese bunte Sammelbox passen könnte? Ich schaue es mir gern an.

Spoiler erhöhen den Filmgenuss

Was für ein blödes Gefühl: Die neue Staffel deiner Lieblingsserie kommt raus. Deine Freunde haben sie schon gesehen und wollen sich angeregt darüber unterhalten, doch du musst abwinken, weil du nicht gespoilert werden möchtest. Glaubt man der Wissenschaft, solltest du dich doch lieber am Gespräch beteiligen, denn Spoiler fördern das Seherlebnis.

die Wissenschaft

Die Wissenschaftler Nicholas Christenfeld und Jonathan Leavitt von der University of California entdeckten in einem Experiment das sogenannte Spoiler-Paradoxon, dass sie im Psychological Science Journal publizierten:

Die Konsumerfahrung einer Geschichte wird nicht durch das vorherige Wissen um dessen Ende getrübt. Im Gegenteil, es macht diese sogar noch besser. 

Sie gaben den Probanden in ihrer Untersuchung 12 Kurzgeschichten zu lesen, aufgeteilt auf 3 Durchgänge. Diese Geschichten waren zudem in 3 Kategorien aufgeteilt: Handlungen mit überraschenden Wendepunkten, mit rätselhaften und mit besonders aufrüttelnden Verläufen. In einem Durchgang bekamen die Probanden Geschichten ohne Spoiler vorgelegt, in der nächsten Runde erhielten sie neue Geschichten und das dazugehörige Ende in einem separaten Text. Im letzten Durchgang wurden dann Geschichten vorgelegt, bei denen ein einleitender Absatz vor dem eigentlichen Text das Ende bereits verriet.

Überraschenderweise gaben die Probanden bei allen 3 Kategorien an, dass sie die Geschichten besser genießen konnten, wenn sie das Ende bereits kannten, vor allem, wenn es in einem vorangestellten Absatz quasi direkt eingebunden wurde.

Laut der Wissenschaftler liegt das vermutlich daran, dass wir uns bei gespoilerten Stoffen mehr auf den tieferen Sinn hinter der Geschichte und auf zusätzliche Informationen wie Nebenhandlungen konzentrieren können. Bei Texten mit unbekanntem Ausgang müssen wir hingegen viel Aufmerksamkeit darauf vertun, keine für die Haupthandlung relevanten Informationen zu verpassen. Wir können demnach also nicht so tief in die fiktionale Welt eintauchen, weil wir sofort alle Informationen entsprechend der Haupthandlung als wichtig, unnütz oder sogar irreführend bewerten müssen. 

erhöhte Konzentration auf vertiefende Aspekte 

Wenn das Ergebnis dieser Untersuchung Spoiler so positiv bewertet, warum stören wir Zuschauer uns dann trotzdem so oft daran? In den Kommentaren unter diesem Artikel hier bringt ihr, liebe Leser, einen interessanten Punkt an: Man sollte bei diesem Thema vielleicht am besten zwischen zwei Arten von Konsumgütern unterscheiden. Bei manchen Werken steht die Handlung, also das WAS, im Vordergrund; andere Produkte werden hauptsächlich durch das WIE geprägt. Spoiler wirken sich unterschiedlich auf diese zwei Gruppen aus.

In die erste Gruppe fallen besonders Thriller, Horrorfilme und Krimis, aber natürlich auch besondere Vertreter anderer Genres, wie beispielsweise Fight Club oder the sixt sense. Hier ist jeglicher Spoiler sehr ärgerlich, da die Seherfahrung entscheidend durch die Unwissenheit des Konsumenten geprägt wird. Allein Fight Club habe ich bereits 3x gesehen. Obwohl man sagen kann, dass ich dadurch gespoilert bin, schaue ich den Film trotzdem gern noch einmal an, weil ich mich daran erfreuen kann, wie gut die Macher mich  an der Nase herumgeführt haben. Hätte man mir vorher das Ende verraten, wäre es zwar immer noch ein großartiger Film, aber meine Seherfahrung wäre definitiv nicht die Gleiche.

Für die zweite Gruppe lassen sich ebenfalls eine Menge Beispiele finden: Bei Actionfilmen ist der Ausgang des Filmes oft weniger entscheidend als die Frage danach, wie cool der(die) Held(in) die Gefahr meistern wird. Solche Beispiele finden sich auch gehäuft in den Genren Drama und Romantic Comendy. Wahrscheinlich wusste jeder Zuschauer von Titanic bereits vorher, dass das Schiff untergehen wird und dass die meisten Menschen dabei sterben werden. Trotzdem rannten die Leute ins Kino, einige sogar mehrfach. wir Allein in Deutschland wurden 4,4 Mill. Kinotickets für Troja gelöst, obwohl sicherlich alle vorher schon wussten wie Troja erobert wurde.  Da Forrest Gump einer alten Dame auf einer Parkbank von seinem Leben berichtet, wissen wir als Zuschauer bereits vorweg, dass er beispielsweise den Vietnamkrieg überleben wird. Doch das hat dem Film in keinster Weise geschadet, da hier die Frage nach dem Überleben nicht im Zentrum steht.

Auf diese Gruppe passt das Ergebnis des oben genannten Experimentes besonders gut. Da die Konzentration der Zuschauer von der Haupthandlung wegverlagert wird, fördern Spoiler hier den Filmgenuss.

Die Serie LOST! bietet in Bezug auf dieses Paradoxon ein ganz besonderes Beispiel: Während in der ersten Staffel sich alles vorrangig um die Frage drehte, wer es wohl leben wieder von der Insel schaffen wird, wandelt sich dieser Schwerpunkt im Laufe der Staffeln. Mit der 4. Staffel tauchten auf einmal Flashforwards einzelner Protagonisten(innen) auf. Dadurch wurde klar, wer es von der Insel runter schaffen wird. Doch das WIE blieb unbeantwortet. Dadurch blieb die Serie bis zuletzt spannend.

Autoren profitieren von diesem Effekt

Das Beispiel LOST! zeigt auch gleich wunderbar, wie Autoren von diesem Paradoxon mit diversen Erzähltechniken profitieren können, egal zu welcher dieser beiden Gruppen das eigene Werk gerade gehört. Neben Flashforwards und Flashbacks zähle ich auch Suspense dazu. Dabei wird dem Zuschauer eine wichtige Information wie z.B. die Präsenz einer Gefahr mitgeteilt, wovon die Hauptperson im Film nichts weiß. Das sorgt für Spannung, weil wir nun nicht mehr ahnungslos sind. Statt dessen müssen wir dabei zusehen, wie die Heldin nichts ahnend in ihr Verderben läuft.

Übrigens spoilern Lets-Player auf YouTube die komplette Handlung von Computerspielen und schaden damit keineswegs dem Verkauf der Spiele. Im Gegenteil, die Vermarktung wird dadurch sogar noch angekurbelt. Zugegeben, Spiele bieten natürlich den unschlagbaren Vorteil, dass die Erfahrung des Selberspielens einen höheren Einfluss auf die Konsumerfahrung hat, als das passive zuschauen. Es gibt aber auch Spiele, die ihren Schwerpunkt auf der Handlung haben. Auch deren Lets Plays werden geschaut.

Trotz dieser Erkenntnis bleibt bei mir in Sachen Spoiler immer noch ein flaues Gefühl im Magen zurück. Ich mag dieses Gefühl, einen Wendepunkt nicht vorhergesehen zu haben, einfach zu sehr. Deshalb bin ich nach wie vor dankbar, wenn ich vor Spoiler gewarnt werde. Dank der Studie habe ich nun wenigstens ein Trostpflaster, wenn es doch einmal passiert. Letzten Endes macht es ja auch Spaß, sich an Diskussionen über die Lieblingsserie zu beteiligen, oder?

Was hältst du von Spoiler? Informierst du dich manchmal vielleicht sogar absichtlich über den Handlungsverlauf von Filmen, Spielen oder Büchern? Schreib mir gern einen Kommentar dazu ganz unten auf dieser Seite.

Quellen

Artikel bei Psychology Today

Original Paper im Psychological Science Journal

Anmerkung

Der Artikel wurde dank eures konstruktiven Feedbacks nachträglich verbessert.

 

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10 Comments

  1. „Ich kann dir aber als Beispiel sagen, dass ich Fight Club auch gern noch ein 4. Mal schaue, obwohl die Wendung am Ende sehr zentral für den Film ist.“

    Sie schreiben selbst richtigerweise, daß die Art sich dennoch deutlich verändert. Das Gefühl der ersten „Überraschung“ ist nicht reproduzierbar. Während sich bspw. ein zweites und drittes Anschauen „vom Gefühl her“ deutlich geglichen haben dürften (wenn nicht völlig unterschiedliche Sehbedingungen vorlagen).

    Das ist für mich persönlich der Grund, aus dem ich Medien lieber „spoilerfrei“ genieße. Wenn ich hellauf begeistert bin, werde ich mir das Werk im Regelfall ohnehin noch ein zweites Mal zu Gemüte führen.

  2. Es handelt sich bei den Geschichten, bei denen in der Einleitung bereits auf das Ende verwiesen wurde, meiner Meinung nach überhaupt nicht um spoiler.

    Wenn ein Film anfänglich mit einer Szene vom Ende der Handlung beginnt, ist dies ein erzählerisches Mittel, welches sich auch auf die gesamte Art, wie der Film zu diesem Punkt kommt, auswirkt.

    Das ist imo etwas völlig anderes als der klassische Weg von A nach B.

    ein gutes Beispiel dafür ist vielleicht „Pulp Fiction“. der Film nimmt sich zwar selbst erzählerisch bestimmte Dinge vorweg, es handelt sich dabei aber dennoch nicht um „spoiler“.

  3. Freut mich 🙂
    Ich finde ja auch, dass die Emotionen bei diesem Thema oftmals viel höher kochen, als es eigentlich angemessen ist. Aber dass wir durch Spoiler bzw. das Wissen über die Handlung eines Filmes diesen besser genießen können, ist für mich eher ein Argument, den Film 2x zu schauen, und nicht dafür, dass Spoiler nicht schlimm sind 😉

  4. Ganz im Gegenteil. Vielen Dank für deinen konstruktiven Beitrag. Wir Zwei liegen mit unserer Meinung gar nicht in entgegengesetzter Richtung. Mich interessieren nur lediglich die Vorteile mehr. Die Nachteile kennt ja jeder. Vielleicht werde ich meinen zwiespältigen Standpunkt etwas klarer in dem Artikel formulieren.

  5. Hallo Heiko,
    vielen Dank für deine Antwort. Ich stimme deiner Ausführung zu dass die Rahmenszenen, wenn ihr Ausgang schon bekannt ist, vor allem wenn dramatisch, die Handlung um die Charaktere unterstützen können. LOST! finde ich ein sehr gutes Beispiel, da auf einmal das „Wie“ und „Warum“ um den Tod der Charaktere wichtiger wurde als der Tod selbst.
    Was das wiederholte Anschauen des selben Films angeht finde ich allerdings, dass das mit Spoilern wenig zu tun hat. Ich habe selbst viele Filme schon mehrmals gesehen und sie verlieren dennoch nicht an Reiz.
    Aber wie schade wäre es, wenn man z.B. Fight Club das erste Mal sieht und gespoilert würde (!MAJOR SPOILER ALERT!), was es mit Tyler Durden auf sich hat.

  6. Hallo Jürgen,
    vielen Dank für dein Feedback. Dass Spoiler den Genuss von Geschichten erhöhen, ist das Ergebnis des Experimentes.

    Ich gebe dir recht, dass bei den beiden Filmbeispielen der Fakt, wer überlebt nicht im Zentrum der Filme steht. Dahingehend sind es nicht die besten Beispiele. Trotzdem machen sie als Referenz Sinn, weil die Vorwegnahme weder die Unterganssequenzen bei Titanic, noch die Kreigssequenz bei Forrest Gump stört. Sie helfen diesen Sequenzen sogar, weil sich dadurch die Aufmerksamkeit des Zuschauers nicht unbeabsichtigt in Richtung Überleben verschiebt, sondern wie gewünscht bei den Charakteren bleibt.

    Bei LOST! wird es noch deutlicher: in der ersten Staffel geht es noch klar um die Frage, wer wohl wieder lebendig von der Insel kommen wird. Im Laufe der Serie wird das auf einmal gespoilert. Jetzt hätten ja die Fans alle die Serie boykottieren können. Doch es tat der Serie keinen Abbruch, sondern machte sie noch etwas spannender. Vielleicht übernehme ich diese Gedanken in den Artikel, um das klarer darzustellen.

    Was die Lets Plays angeht stimme ich dir zu, dass Computerspiele viel mehr bieten, als den bloßen Konsum der Handlung. Dadurch können Spoiler von Haus aus weniger Schaden anrichten. Neben diesem Fakt gibt auch Spiele, bei denen die Handlung einen hohen Stellenwert hat. Spoiler müssten hier also sehr negative Auswirkungen haben, doch die Lets Plays werden trotzdem geschaut.

    Ich verstehe deine Skepsis sehr gut und es fällt mir auch schwer, dem Ergebnis der Untersuchung zu vertrauen. Ich kann dir aber als Beispiel sagen, dass ich Fight Club auch gern noch ein 4. Mal schaue, obwohl die Wendung am Ende sehr zentral für den Film ist. In diesem Werk wird sogar eine Menge getan, um die Wendung möglichst nicht vorweg zu nehmen.

  7. Die Argumentation ist meiner Meinung nach ziemlich schwach. Vorrangig geht es beim Spoilern um den Verlust des Nichtwissens um eine Handlung oder das Schicksal um einzelne Charaktere. In den beiden angeführten Beispielen Titanic und Forrest Gump geht es nicht darum zu wissen ob Forrest Vietnam überlebt oder die Titanic sinken wird. Es geht um den Verlauf von Forrest’s Leben an sich und die Frage ob Jack und Rose die Katastrophe überleben werden. Wenn ich das vorweg nehme beraube ich den Zuschauer oder Leser im Vorhinein seiner eigenen Entdeckung, einer Überraschung sozusagen. Und jemandem die Überraschung zu vermiesen halte ich für eine schlechte Sache.
    Auch dass die Verkaufszahlen im Videospiel-Bereich durch Let’s Plays nicht vermindert werden ist in diesem Zusammenhang fehl am Patz, da ein Spiel noch weitere Komponenten mit sich bringt als nur die Handlung: das erreichen eines Ziels in Form von Level-Aufstieg, die Herausforderung der Gegner, etc. Dies sind alles aktive Eigenschaften, die ein Buch, Film oder Serie nicht mit sich bringen. Als Rezipient ist man in diesem Fall zur Passivität verdammt, man kann nur miterleben, aber nicht selbst eingreifen. Durch Spoiler geht ein Großteil dieser Erfahrung verloren und ein wesentlicher Teil des Erlebnisses wird relativiert.
    Aber dies ist nur meine Meinung und es wird sicher Menschen geben, denen Spoiler nicht so viel ausmachen wie mir. Aber zu relativieren und zu behaupten, dass allgemein Spoiler den Filmgenuss erhöhen, halte ich für anzuzweifeln.

  8. Das mit der Länge des Mediums ist tatsächlich ein interessanter Gedanke. Serienspoiler stören mich persönlich nicht so sehr, da ich die entweder irgendwann vergesse, oder trotzdem noch genügend spannender Inhalt erzählt wird. Filmspoiler ärgern mich aber dafür umso mehr.

  9. Also bei mir ist es da relativ komisch. Bei Serien und Filmen möchte ich nie gespoilert werden. Als mir bei „Breaking Bad“ wichtige Handlungen erzählt wurden war ich sogar echt sauer aber bei Büchern ist das anders. Manchmal erwische ich mich wie ich bei einem Buch die letzten 3 Seiten lese bevor ich es überhaupt angefangen habe. Gelesen wird es dann aber trotzdem. Vielleicht hat es bei mir etwas mit der länge des Mediums zutun. Ich lese relativ langsam und brauche für ein Buch viel länger als für eine Staffel einer Serie.

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