Emotionen erzählen mit Köpfchen

Diese Rubrik ist die Sammelbox zum Blog. Hier stehen alle Entdeckungen, allgemeine Gedanken und Ideen zum Thema Emotionen erzählen. Habt ihr etwas gefunden, dass prima in diese bunte Sammelbox passen könnte? Ich schaue es mir gern an.

Spielräume für Fehler führen längerfristig zu mehr Erfolg

Kaum jemand geht härter mit Fehlern ins Gericht als wir Deutschen. Eine größere Toleranz gegenüber Missgeschicken sorgt auf längerer Sicht für mehr Erfolg. Ich schreibe in diesem Artikel über den Umgang mit Fehlern und darüber, wie Spielräume absolut notwendig sind für Innovationen.

Vielleicht ist dem einen oder anderen von euch aufgefallen, dass ich in den letzten Wochen keinen Artikel veröffentlicht habe. Schuld daran ist neben Weihnachten dieser Artikel hier. Ich musste ihn mehrfach neu schreiben, denn er fühlte sich falsch an. Die Texte erfüllten nicht meine eigenen Erwartungen; Und gerade Erwartungen spielen beim Thema „Fehler machen“ eine entscheidende Rolle und können, wenn sie zu hoch gesteckt werden, eher lähmen als herausfordern.

die schöne, optimierte Welt

Heute ist es ganz selbstverständlich geworden, dass alle Lebensbereiche optimiert werden. Es gilt als schick, jede ungenutzte Minute unseres Lebens mit Sinn zu füllen und bloß nichts zu verschwenden. Also checken wir unsere Mails, während wir auf den Bus warten, oder posten die Highlights unseres Tages in den Netzwerken, während Mikrowellen und Fastfood-Ketten uns das „lästige“ Kochen abnehmen. Gleichzeitig werden über das Handy Daten erfasst und ausgewertet, damit unser leben immer effizienter werden kann. Die „Quantified Self“-Bewegung bietet hier ein wortwörtlich ein optimales Beispiel.

Dieser Optimierungswahn führt zu immer höheren Erwartungen bei Arbeitgebern, Kollegen, Freunden und Familie. Wer in dieser Gesellschaft einen Fehler macht – indem er beispielsweise zu spät kommt – weicht im negativen Sinne vom Erwarteten ab. Er handelt nicht optimal; das kostet unter Umständen sogar wertvolle Ressourcen wie etwa Zeit, Geld oder Energie. Positive Abweichungen werden in unserer Welt inkonsequenter Weise übrigens nicht als Fehler angesehen. Würden wir das tun, hätten wir eine viel gesündere Einstellung zu Missgeschicken.

Unsere optimierte Gesellschaft hat eine Fehlerkultur entwickelt, in der falsches Handeln nur zu gern geahndet wird. Wer in Führungspositionen einen Fehler macht, bekommt selten eine zweite Chance. Der darf sofort seinen Stuhl räumen. Wer ein Produkt mit Mängeln auf den Markt bringt, darf sich auf einen Shitstorm von negativen Bewertungen und vernichtenden Testurteilen und Kritiken gefasst machen. Klar, wenn Menschenleben und Existenzen daran hängen, ist das auch durchaus berechtigt. Viel zu oft meckern wir Deutschen aber auch über Banalitäten. Der Wirtschaftspsychologe Michael Frese untersuchte, wie gut diverse Länder mit Fehlern umgehen. Unter den 61 untersuchten Staaten landete Deutschland auf den vorletzten Platz. Lediglich die Einwohner von Singapur gehen noch verachtender mit Fehlern um. Na wenn das nicht optimierungsbedürftig ist.

Eine solche Meckergesellschaft rächt sich. Im gleichen Zug, wie wir Höchstleistungen von anderen erwarten, wollen wir alle die in uns gesetzten Erwartungen erfüllen. Wir hängen auch bei uns selbst die Messlatte hoch; denn wir wissen, wer versagt, dem drohen Strafen in unterschiedlichen Formen. Schulkinder erhalten als Strafe schlechte Noten, Politiker werden nicht wiedergewählt, Piloten stürzen ab und Ärzte… nein Moment… Ärzte machen keine Fehler.

Um negative Konsequenzen wie Strafen zu entgehen, hat uns die Natur ein mächtiges Werkzeug mitgegeben und unsere Gesellschaft treibt es zur Perfektion: Angst! Jeder Mensch hat ein gewisses Maß von Angst davor, Erwartungen nicht zu erfüllen und damit zu versagen. Diese Angst lässt uns wachsam sein; sie lässt uns unerwartete Ereignisse erkennen; sie schützt uns vor riskanten Taten, die Fehler verursachen könnten. Allerdings führen Versagensängste bei dem einen oder anderen zu extremen Auswüchsen – wie beispielsweise zu Perfektionismus, Mutlosigkeit, geringem Selbstwertgefühl und letztendlich zu Depressionen.

Es ist gut, wenn Piloten aus Angst vor Abstürzen lieber sichere Routen um Schlechtwetter-Fronten herum nehmen, oder Ärzte aus Angst vor Fehldiagnosen lieber zusätzliche Untersuchungen vornehmen. Für kreative Berufe allerdings ist eine Gesellschaft, die Versagensängste züchtet, Gift.

kreativ sein, trotz Angst vor Fehlern

Wer sein Brot mit Ideen verdient, muss ständig neue Einfälle haben. Das bedeutet auch, dass früher oder später mal etwas ausprobiert werden muss, ohne zu wissen, ob man mit der Idee Erfolg haben wird. Dabei kann schon mal was in die Hose gehen. In einer schlechten Fehlerkultur, wie wir sie hierzulande pflegen, werden selbst solche auf Versuchen basierenden Fehler all zu oft niedergemacht. Eine Studie der Universität Wien hat ergeben: „Wer dauernd negatives Feedback für seine Fehler bekommt, der kommt seltener mit einer neuen Idee um die Ecke. Im Gegenteil: Eine negative Fehlerkultur führt häufig zu noch mehr Stress, Leistungsdruck und Perfektionismus.“ Der Tod für die Kreativität – sowohl für den kleinen Künstler, wie auch für Fernsehsender.

Fehler gehören zu einem kreativen Prozess einfach dazu, wie die Luft zum Atmen. Die Natur macht es mit der Evolution wunderbar vor. Mutation und Selektion bringen immer wieder die wunderbarsten Geschöpfe hervor und trennen dabei ganz selbstverständlich die Spreu vom Weizen – einfach durch Versuch und Irrtum. Ganz nach dem Vorbild der Natur dürfen Fehler im Zusammenhang mit Kreativität nicht partout als etwas Schlechtes abgetan werden. Mit einer miesen Idee weicht man zwar vom erwarteten Ergebnis ab, aber vielleicht stößt man damit eine neue, unerwartete Tür auf? Oder vielleicht stimmt die Erwartung nicht?

Die Geschichte kennt eine Menge Beispiele von Entdeckungen, die durch Fehler entstanden. Hier mal zwei Beispiele:

Christoph Kolumbus entdeckte versehentlich Amerika. Eigentlich wollte er einen kürzeren Seeweg nach Indien finden. Deswegen nannte er auch die Einwohner Indianer.

Alexander Fleming entdeckte das Penecillin, weil er während seines Urlaubes das Fenster in seinem Labor offen ließ. So konnten Pilzsporen hinein gelangen und sich auf seinen Versuchsaufbau anlagern. Das Ausscheidungsprodukt der Pilze tötete die gezüchteten Erreger ab. Ein Meilenstein in der Medizin war geboren.

Raum zum Spielen

Wer frische, unverbrauchte Ideen von seinen Mitarbeitern oder Dienstleistern wünscht, muss ihnen auch den Raum geben, Einfälle ausprobieren zu können. Ohne einen Raum zum Testen, bekommt man am Ende nur die bereits etablierten Ideen versteckt im neuen Gewand. Natürlich kostet dieser Spielraum Ressourcen, wie Zeit oder Geld; solange das nicht ausufert, lohnt sich diese Investition, denn damit steigt die Wahrscheinlichkeit für ein frisches, unverbrauchtes und trotzdem mutiges Konzept beträchtlich.

Spielräume bauen Ängste in den kreativen Köpfen ab, denn sie geben Platz zum Handeln, bevor es zu spät ist. Wird beispielsweise eine Deadline zur Abgabe eines Drehbuches zu eng gesetzt, bleibt kein Spielraum, um gewagte Handlungsstränge zu testen. Man hat dann als Autor schlicht keine Zeit mehr, Handlungen neu zu schreiben, sollte die gewagte Idee nicht die Erwartungen erfüllen. Weniger enge Zeitpläne geben statt dessen Spielraum für mutige Ideen. Aber leider passen lockere Zeitpläne nicht in das Verständnis unserer optimierten Welt. Schließlich könnte ja auch der Optimalfall eintreten und die erste Idee sich als Jackpot herausstellen. Dann würde sich der zeitliche Spielraum als verschwendet darstellen.

Noch viel drastischer verhält es sich mit Geld. Wieviel Spielraum genehmigen heute Geldgeber – egal ob Förderfonts oder Banken – für Innovation und mutige Experimente? Ich kann nur spekulieren, schätze die Toleranzen aber nicht sehr hoch ein. Mit finanziellem Spielraum könnte man auch mal eine schwierige Szene drehen, die sich erst im Schnitt entweder als das Sahnehäubchen des Filmes bewährt – oder als Fauxpas herausstellt. Dieses Risiko, Geld zu versenken, müssen sich Geldgeber allerdings trauen, wenn sie mit einem kreativen Produkt die Chance haben wollen, das große Geld zu machen.

Auch Führungspersonen sollten ihren Teamkollegen Spielräume gestatten. Dazu gehört, dass sie auch Abweichungen vom erwarteten Ergebnis bis zu einem gewissen Grad akzeptieren und nicht bestrafen sollten. Ich habe es schon bei diversen Jobs erlebt, wie Zielsetzungen viel zu strikt formuliert wurden. Das führte zu hohem Druck bei allen Mitarbeitern und damit zur Angst, das Ziel nicht zu erreichen; bei kreativen Mitarbeitern kommt noch hinzu, dass man bei viel zu eng formulierten Zielen keine Möglichkeit mehr hat, das Projekt durch seine eigene Handschrift zu prägen. Statt dessen verkommt man zur ausführenden Marionette. Diese eigene Handschrift ist jedoch sehr wichtig für Künstler, sonst könnte man ja jeden x-beliebigen anderen Menschen diese Arbeit machen lassen. Als kreativer Geist könnte ich solche Arbeiten nicht lange aushalten und würde mir schon bald einen neuen Job suchen, in dem ich mich besser ausleben kann.

Spielräume sind für mich der Nährboden kreativer Arbeit. Sie werden in unserer optimierten Gesellschaft immer weniger wertgeschätzt. Wenn wir mit unseren Filmen und Serien in der Welt auffallen wollen, müssen wir umdenken und Platz zum Spielen schaffen. Dazu benötigen wir eine Fehlerkultur, die Abweichungen vom gewünschten Optimalfall bis zu einem vertretbaren Punkt toleriert und gewagte Projekte nicht ohne triftigen Grund pauschal verurteilt. Toleranz könnte hier der Schlüssel zu mutigeren Filmen sein. Die Frage bleibt für mich, wie wir toleranter gegenüber Experimenten werden können, während die Wirtschaft uns zu immer optimaleren Menschen machen will?

Welche Erfahrungen habt ihr mit Spielräumen für kreative Arbeiten gemacht? Gesteht ihr euren Arbeitskollegen einen Platz zum kreativen Spielen zu? Schreibt mir eure Erfahrungen damit. Ich freue mich drauf.

Weitere Gedanken zum Thema gibt’s übrigens hier im Artikel zum Gottkomplex. Reinschauen lohnt sich.

Weiterführende Links und Quellen

 zur Selbstoptimierung: http://www1.wdr.de/themen/wirtschaft/quantiefied-self100.html

 zum Thema dauerhaft erreichbar sein: http://www.wiwo.de/erfolg/beruf/dauerhafte-erreichbarkeit-es-bringt-nichts-ab-16-uhr-keine-e-mails-mehr-zu-lesen/11215506.html

 Quelle für zufällige Erfindungen: http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/diese-erfindungen-verdanken-wir-dem-zufall-a-929574.html

 Mehr zum Thema „Fehler machen“: http://www.zeit.de/zeit-wissen/2013/04/kunst-scheitern-fehler-machen

 Mehr zum Thema „Fehler machen“: http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/fehler-kultur-angst-einen-fehler-zu-machen-a-994442.html

 wie Perfektionismus zu Depressionen führt: http://www.stern.de/gesundheit/depressionen-verstehen-die-innere-logik-depressiver-menschen-2167612.html

 

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