Emotionen erzählen mit Köpfchen

Diese Rubrik ist die Sammelbox zum Blog. Hier stehen alle Entdeckungen, allgemeine Gedanken und Ideen zum Thema Emotionen erzählen. Habt ihr etwas gefunden, dass prima in diese bunte Sammelbox passen könnte? Ich schaue es mir gern an.

der Gottkomplex und das deutsche Fernsehen

Das Fernsehen ist im Umbruch; so heißt es. Doch die große TV-Revolution lässt trotzdem irgendwie auf sich warten. Veränderungen vollziehen sich bisher in eher zaghaften, mikroskopisch kleinen Schritten. Der Gottkomplex könnte eine Ursache dafür sein. Was das genau bedeutet und wie man das Problem lösen könnte, beschreibe ich in diesem Artikel:

die guten, alten Zeiten

Egal ob private, oder öffentlich rechtliche Sender, sie alle hatten ihre Hochzeiten. In diesen Zeiten gaben sie den Ton an, formten die Meinungen der Deutschen, entwickelten Trends und genossen eine gewissen Narrenfreiheit. Kollegen schwärmten mir vor, wie in den Produktionsfirmen der privaten Sender in den 90ern große Partys gefeiert wurden, wie man für Dreharbeiten regelmäßig ins Ausland flog und es Projekte wie Sand am Meer gab. Die Kosten schienen in den Produktionshäusern scheinbar keine Rolle zu spielen. In diesen Zeiten gaben die Privaten den Ton an, waren die Innovationsmotoren und damit im Zentrum der allgemeinen Aufmerksamkeit. Das hinterlässt Spuren. Doch die goldenen Zeiten sind vorbei. Heute verlagert sich die allgemeine Aufmerksamkeit immer mehr in Richtung Internet. Laut einer aktuellen Studie des BLM sank der Einfluss des Fernsehens als meinungsbildendes Medium 2013 von 40,3% auf 36,9% ab (Quelle). Das Internet mit seinen Video-on-Demand-Angeboten zieht in die Wohnzimmer ein. Sich das einzugestehen, ist schwer – vor allem, wenn man auf Werbekunden angewiesen ist.

wie Gott fühlen ist menschlich

Man hat den harten, steinigen Weg ganz nach oben an die Spitze des Olymps seiner Branche gemeistert; Man sitzt auf dem Thron und trägt die Krone auf den stolz zum Himmel gereckten Kopf. Es ist nur zu verlockend, seinen Status zu genießen und es sich an der Spitze bequem zu machen. In solchen Momenten entwickelt sich der Gottkomplex. Das ist völlig normal und passiert jedem, der ein absoluter Experte und/oder Trendsetter auf seinem Gebiet ist. Für alle, die jetzt Panik bekommen und schon nach einem „Psychiater“ googeln, habe ich hier eine kleine, beruhigende Checkliste. Mit ihr lässt sich das Potential zum Gottkomplex einschätzen:

  1. Bist du davon überzeugt, dass du die Branche,dein Beruf, das Fachgebiet oder das System, in dem du ein absoluter Experte bist, vollkommen durchschaust und verstehst?
  2. Möchtest du verhindern, dass deine Expertise von anderen auf die Probe gestellt wird?
  3. Fällt es dir in dem Feld deiner Expertise schwer, Fehler zuzugeben oder die Meinung anderer zu akzeptieren?

Wenn du alle drei Fragen mit „ja“ beantworten kannst, dann gratuliere ich zum Gottkomplex – aber Achtung: Schneller als man es sich auf seinem Thron bequem machen kann, sägen schon die Thronfolger am Stuhl. Wenn man nicht aufpasst, staubt die eigene Krone ein, verliert an Glanz und man sitzt auf einmal nur noch am Rande der Party.

Alle TV-Kritisierer können sich mal den Spaß gönnen und die Checkliste auf unsere Fernsehsender anwenden. Dazu passt übrigens wunderbar der aktuelle Artikel im Handelsblatt über den Umgang des ZDF mit dem „Deutschlands Beste!“-Skandal (Link zum Artikel).

Betriebsblindheit

Es ist an sich nichts verwerflich daran, an der Spitze seiner Brache oder seines Fachgebietes zu stehen. Schließlich hat man sich irgendwann einmal diesen Status auch verdient. Der Gottkomplex ist also halb so wild, doch er hat einen ganz entscheidenden Nachteil: Er macht blind.
Er macht blind für Veränderungen; blind für die eigenen Fehler; blind für Wissen, Erfahrungen und Entdeckungen anderer; Blind für drohende Gefahren. Der Antrieb, der einen einst auf den Thron steigen ließ, verliert seine Kraft. Doch wenn man nicht weiß, wohin man sich weiterentwickeln kann, wie kann man dann Stillstand vermeiden?
Der Ökonom und Buchautor, Tim Harford weiß die Antwort. In seinem sehr empfehlenswerten TED-Talk spricht er über den Gottkomplex und gibt eine wundervolle, einfache Lösung auf diese Frage:

[ted id=1190 lang=de]

Versuch und Irrtum

Richtig gelesen. Es ist so einfach – und doch so schwer. Denn um einen Versuch zur Weiterentwicklung wagen zu können, muss man sich erst einmal selbst eingestehen, dass es in seinem Fachgebiet doch noch mehr zu erreichen gibt. Um mitzubekommen, dass man sich geirrt hat, muss man in der Lage sein, Fehler einzugestehen und zuzulassen.

Wenn man das schafft, kann man sich trotz seiner Expertise weiterentwickeln. Thomas Edison gibt hierfür ein schönes Beispiel ab: Der Legende nach soll er über 2.000 Versuche gebraucht haben, bis er die Glühbirne erfand. Später wurde er gefragt, ob es ihn nicht frustriert habe, so oft gescheitert zu sein?! Er antwortete darauf:

“Gescheitert bin ich nicht, ich kenne 2.000 Wege wie man Glühbirnen nicht bauen darf.”

Auch Tim Harvard nennt ein schönes Beispiel, wie Versuch und Irrtum zum Erfolg führen: die Evolution. Erfolgreiche Überlebensstrategien fußen auf der Mutation, also dem Versuch zur Veränderung, und der Selektion, bzw. dem Entfernen von Irrtümern.

wir brauchen mehr Fehler

Fehler sind nichts schlechtes; sie sind nur eine Vorstufe zum Erfolg. Deshalb sollten auch wir als Medienschaffende und Zuschauer unseren Fernsehsendern Fehler zugestehen, wenn wir wollen, dass diese sich verbessern. Wie aber können sich beispielsweise unsere öffentlich rechtlichen Sender verbessern, wenn bei jedem gescheiterten Versuch eine neue Sendung zu etablieren (also einem Irrtum) sofort alle aufschreien: „Seht wie hier unser Geld verbrannt wird!“ Wir sollten alle unseren Sendern die Möglichkeit zum Experimentieren zugestehen, damit wir nicht immer nur Altbewährtes vorgesetzt bekommen. Gleichwohl sollten die Sender auch die Dringlichkeit des Experimentierens erkennen. Um die Lust am Experimentieren zu wecken, kann ich ein Zitat von Georg Christoph Lichtenberg sehr empfehlen:

„Ich weiss nicht, ob es besser wird, wenn es anders wird. Aber es muss anders werden, wenn es besser werden soll.“

Wie seht ihr den Gedanke des Gottkomplexes? Sehen unsere Fernsehsender nicht, dass sie nicht mehr auf ihrem Thron sitzen, oder geben sie doch noch die Marschrichtung an, für Gedanken, Moden und Geschmäcker in Deutschland?

Update – 23.06.2015

Die Website CARTA beschreibt in diesem ARTIKEL genau diesen Komplex am Beispiel von RTL.

Weiterführende Links und Quellen

 BLM
http://www.blm.de/files/pdf1/BLM_MedienVielfaltsMonitor_1_Halbjahr_2013.pdf

 TED-Talk
http://www.ted.com/talks/tim_harford

 

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