Emotionen erzählen mit Freunden

Ein gutes Gespräch unterhält. Die Interviews hier habe ich mit kreativen Freunden und Kollegen aus erschaffenden Gewerken geführt. Erzählt ihr auch gern Geschichten mit dem Ziel, bei euren Zuschauern, Lesern oder Hörern Emotionen entstehen zu lassen? Dann können wir ja mal darüber quatschen.

Loglines schreiben – Interview mit Susan Graul

Susan Graul ist Gründerin des SUGR STEPS Drehbuchstudios; sie gibt Seminare, Workshops und Einzelberatungen zu den Themen Plotting & Pitching und schreibt selbst einen Blog. Ich unterhielt mich mit ihr über Loglines – einem Werkzeug, das Autoren hilft, Ideen zu finden, Schwachstellen im Drehbuch aufzudecken und dieses später zu vermarkten.

Heiko Raschke: Hallo Susan. Freut mich, dass es geklappt hat. Wir zwei kennen uns ja vom Logline-Shape up, das ich bei dir gemacht habe. Kannst du meinen Lesern und Leserinnen kurz erklären, was Loglines sind?

Susan Graul: Loglines sind tatsächlich nicht genau definiert. Da variieren die Begrifflichkeiten sehr stark, sowohl inhaltlich, wie auch vom Umfang. Meine Definition und die wohl auch allgemein am weitesten verbreitete ist diese:

Eine Logline ist die Kurzfassung einer Geschichte in 1 bis 3 Sätzen.

Dabei sollte die Logline ein paar grundlegende Elemente der Geschichte beinhalten und die in kürzester Form auf den Punkt bringen.

HR: Wozu brauche ich denn diese Zusammenfassung?

SUGR: Für verschiedene Anlässe. Klassisch braucht man sie, um seine Geschichte zu verkaufen. Wenn ich also kurz erzählen möchte, wovon mein Drehbuch handelt. Es geht immer darum, erst mal Interesse zu generieren, Neugierde zu wecken und dann Nachfragen hervorzulocken, sodass dein Gesprächspartner mehr wissen möchte. Damit steht die Logline am Anfang eines Pitches, bei dem man sich dann weiter zu den Details der Geschichte vorarbeitet. Ich beginne mit einer Logline sozusagen das Gespräch.

HR: Mit einer Logline macht man also Werbung.

SUGR: Man möchte irgendwelche Kollegen an Board holen, einen Produzenten für seine Geschichte  gewinnen, oder für die Einreichung bei einem Wettbewerb. Du kannst deine Logline aber auch schon viel früher während des Schreibprozesses nutzen. Nicht nur während des Schreibens, sondern auch ganz am Anfang, weil du mit dem Schreiben der Logline deine Story strukturierst und falls nötig auch findest. Erst letzte Woche habe ich mit einem Autor gesprochen, der kam nicht über mich, sondern über einen Kollegen zum Thema Logline. Er sagte mir: ich schreibe seit den 90ern Drehbücher und bin nun fasziniert von Loglines. Er hatte eine Menge Drehbücher in der Schublade und wusste nicht so recht, warum sie nicht funktionieren, wie er gern möchte. Nun kann er das damit wunderbar überprüfen.

HR: Womit sollten Logline-Anfänger am besten starten? Kannst du vielleicht ein paar Übungen empfehlen?

SUGR: Na zum Beispiel mit Logline-Vorlagen. Man fängt einfach an, diese Vorlagen mit den Elementen der eigenen Story auszufüllen. Z.B. mit dieser hier:

„In einer Welt will Protagonist, der eine extreme Eigenschaft hat, unbedingt sein Ziel erreichen, doch leider kommt es zum Konflikt.“

Auf meiner Homepage habe ich eine Sammlung solcher Logline-Vorlagen zusammengestellt. (Als Begrüßungsgeschenk bei Anmeldung für meinen Newsletter   http://www.sugrsteps.de/hallo/ ). Damit hatte ich auch schon absolut faszinierende Momente in Logline-Seminaren erlebt. Ich hatte die Teilnehmer gebeten, die verschiedenen Varianten der Templates auf die Geschichte von „The King’s Speech“ anzuwenden. Obwohl immer alles drin war, waren große Unterschiede zu sehen, je nachdem, wo die Teilnehmer für sich persönlich den größten Bezug zu der Geschichte gefunden hatten. Es ist eine super Übung, all diese Varianten mal mit seiner Geschichte durchzugehen. Das ist zwar am Anfang ein bisschen mühsam, aber es lohnt sich, da man viel daraus lernt. Natürlich kannst du auch anfangen, indem du einfach Zusammenfassungen aus Fernsehzeitungen liest. Bei Filmen, die du kennst, hilft es zu schauen, was wurde weggelassen, was nicht. Bei den Filmen, die du nicht kennst, kannst du überprüfen, ob die Logline was mit dir macht – positiv wie negativ. Frage dich: berührt mich das? Will ich das anschauen? Man kann auch eine Logline zu seinem Lieblingsfilm schreiben und sie dann mit den Offiziellen vergleichen.

HR: Wenn ich eine Idee zu einem Drehbuch habe, macht es Sinn, mit einer Logline das Schreiben zu beginnen?

SUGR: Oft fängt man ja mit irgend einem Stückchen an, das bei einem Interesse geweckt hat. Dann überlegt man sich: da könnte ich ja einen Film draus machen. Aber nur mit einer Idee bekommt man keinen Plot bzw. Drehbuch zusammen. Mit einer Logline kann ich dann schauen, was es in der Geschichte für Bögen gibt; Wer ist mein Protagonist? Was ist sein Ziel? Was erschwert das Erreichen des Ziels? Damit habe ich die klassischen Bausteine zusammen. Diese kann ich dann in einer Logline zusammenbringen. Dazu gibt es entsprechend verschiedene Varianten, je nachdem welche Bausteine man zur Verfügung habt. Wenn ich mir das alles vorher überlege, habe ich ein gutes Gerüst und kann meine Geschichte überprüfen. Bevor das nicht richtig stabil ist, lohnt es sich auch nicht, mit dem Schreiben anzufangen. Seine Logline am Anfang fest und stabil zu haben, hat noch mehr Vorteile: man kann sie Leuten erzählen und gucken, wie die Idee ankommt. Weckt sie Interesse? Sorgt sie für leuchtende Augen, oder nicht? Wenn sie so stabil ist, sollte man auch versuchen sich beim Schreiben darauf zu beziehen. Das ist eine sogenannte Arbeitslogline. Die kann auch ruhig ein bisschen größer sein. Für die Logline, die man dann später für’s Verkaufen braucht, gibt’s hingegen viele verschiedene Varianten – je nachdem mit wem man spricht und wohin man das Interesse lenken möchte.

HR: Eine Arbeitslogline kann also ruhig länger sein?

SUGR: Genau, da kommt häufig mehr vom Setup vor. Bei den Verkaufsloglines hingegen wird oft viel zuviel von der Backstory erzählt. Man fragt sich dann, wann fängt denn nun der Film an? Das ist in Loglines vergeudet. Nach dem Ausgangspunkt sollte man lieber gleich mit der Geschichte weitermachen. Wenn man dann nach dem Pitch noch im Gespräch ist, hat man ja immer noch die Möglichkeit auf die Backstory zu kommen, wenn Interesse besteht.

HR: Wenn es so viele Varianten gibt, dann gibt es nicht die eine perfekte Logline, oder?

SUGR: Das ist richtig. Mein Tipp ist auch immer: Mach dir mehrere Loglines – einmal für den Verkauf an einen Profi der Branche. Der schaut vielleicht auf die verschiedenen klassischen Elemente der Story, weil er sich gleich vorstellen will, wo geht der Bogen lang, wie aufwendig wird das usw. Aber wenn jemand auf privaten Anlässen dich fragt, worum es in deinem Drehbuch geht, kannst du etwas ganz anderes erzählen. Vielleicht hast du auch mal keine Lust viel darüber zu erzählen. Auch dafür kannst du dir eine Logline parat legen, um das abzudecken. Man sollte verschiedene Varianten haben und damit verschiedene Aspekte betonen oder weglassen, je nachdem, wer zuhört.

HR: Wenn ich also keine Lust habe, über mein Drehbuch zu reden, denke ich mir eine möglichst schlechte Logline aus, damit nicht nachfragt wird?

SUGR: Haha, vielleicht keine Schlechte, aber eine ganz kurze. Und dann je nachdem ob nachgefragt wird, kann man ja dann weiter ausholen.

HR: Ich bin ständig auf der Suche, wie ich mit kreativen Mitteln Emotionen hervorrufen kann. Funktioniert das auch mit Loglines?

SUGR: Die Loglines, mit denen ein Autor arbeitet, gehen nicht so unbedingt an den Konsumenten, sprich den Zuschauer. Sie sind eher eine Arbeitsgrundlage für andere Gewerke. Emotionen wecken geht dann eher in Richtung: Kann sich jemand außer mir dafür begeistern? Ist das eine klasse Idee? Kann ich jemanden dazu motivieren, sich dafür zu engagieren? Neugierde ist da das Stichwort. Und du solltest natürlich das Gefühl von Langeweile oder Desinteresse vermeiden. Das kannst du mit Loglines auch gut testen. Was an den Zuschauer rausgeht, das sind häufig ganz eigene Loglines. Z.B. bei The King’s Speech – die offizielle Marketing-Logline hieß

„Based on the true story of King George VI, THE KING’S Speech follows the Royal Monarch’s quest to find his voice.“

Diese Logline punktet mit Empathie, Monarchie und der wahren Geschichte. Um mir einen Film aber ohne schickes Poster, Colin Firth etc. vorstellen zu können, also als nacktes Drehbuch, brauche ich auch das konkrete Problem von Bertie und ich brauche den Sprachtherapeuten Lionel Logue. Also die präzise Logline für die Geschichte wäre eher:

„Ein stotternder Königssohn will seinen Sprachfehler mit Hilfe eines unorthodoxen Sprachtherapeuten überwinden, um seine königlichen Pflichten erfüllen und seinem Volk im zweiten Weltkrieg beistehen zu können.“

Und wenn wir schon bei der Vermarktung und den schicken Postern sind, abzugrenzen sind die Logline von den Taglines. Ein klassisches Beispiel einer Tagline wäre beim Weißen Hai: „Don’t go into the water“; oder bei Aliens: „In Space no one hears you scream“. Das wirkt jeweils nur in Kombination mit den Infos über die Story, die man schon hat. Mit Taglines könntest du deine Geschichte nicht erklären.

HR: Susan, ich danke dir für die vielen Tipps und das tolle Gespräch.

SUGR: Ach, ich könnte echt lange darüber reden, obwohl es doch bei Loglines so sehr um kurz und knackig geht. Ups! Aber kurz und knackig ist eben oft das Ergebnis von ziemlich langen Gedankengängen und vielen Schleifen im Voraus… Also  keine Panik, wenn es nicht auf Anhieb klappt!  : – )

HR: Habt ihr Fragen, Tipps oder Anmerkungen zu Loglines, dann schreibt einfach einen Kommentar. Ich freue mich drauf.

Links und Quellen:

 Susans Blog: www.sugrsteps.de

 Mit Story-Cubes kann man seine Loglines in unerwartete Richtungen bewegen. Hier geht’s zum Artikel: Geschichten erwürfeln

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2 Comments

  1. Pingback: Aufzugstest für Autoren | Literatur-O-Meter

  2. Danke für dieses Interview!
    Endlich habe ich als absoluter Fremder in diesem Bereich das mal verstanden!
    Klare und verständliche Worte. Das liebe ich!
    Und falls ich mal ein Drehbuch schreibe, ich melde mich auf jeden Fall!

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