Emotionen erzählen mit Freunden

Ein gutes Gespräch unterhält. Die Interviews hier habe ich mit kreativen Freunden und Kollegen aus erschaffenden Gewerken geführt. Erzählt ihr auch gern Geschichten mit dem Ziel, bei euren Zuschauern, Lesern oder Hörern Emotionen entstehen zu lassen? Dann können wir ja mal darüber quatschen.

Warum sich Redaktion und Produktion selten verstehen – Interview mit Hakan Karagür

In vielen Produktionen herrscht ein verbissener Umgangston zwischen Redaktion und Produktion. Aber warum ist das so und was kann man dagegen tun? Um dieser Frage auf dem Grund zu gehen, habe ich mich mit Hakan Karagür getroffen. Er ist Produktionsleiter und weiß Rat.

Heiko Raschke: Hakan, freut mich sehr, dass es mit dem Interview geklappt hat. Ich komme auch sofort zur Frage, die mir auf der Seele brennt: Warum herrscht in vielen Produktionen so ein schwieriger Umgangston zwischen der Redaktion und der Produktion?

Haken Karagür: Ich schätze, das Kernproblem ist der Faktor Mensch und das System, wie eine Redaktion funktioniert. Ein Redakteur hat ja in der Regel schon in seiner eigenen Gruppe Schwierigkeiten. Er muss der „lonely Wolf“ sein, der gleichzeitig Teamplayer ist. Er oder sie muss sich gleichzeitig ins Team eingliedern und muss von allen die kreativsten Ideen haben, um nach vorne zu kommen. Da ist natürlich nervig, GEMA und HKNs zu machen, oder über Geld nachzudenken. Verstehe ich auch. Als Redakteur sitzt du da und die Leitung will von dir den geilsten Film, den es gibt. Du denkst dir was aus und natürlich interessiert es dich in der Sekunde, in der du es brainstormst, nicht, wie du es umsetzt. Du bist total in Euphorie; du hast die Idee; und dann triffst du auf einen Typen wie mich, der dir sagt: das ist Qatsch, bezahlt dir keiner, das funktioniert nicht, kriegst keine Rechte usw. Ich habe all diese genannten Sachen im Kopf.

Völlig verständlich, dass du pissed bist innerhalb von 6 Millisekunden. Ich zerstöre dir in dem Moment deinen Traum. Deshalb haben sich viele Redakteure über die Jahre schon von vornherein eine Haltung angewöhnt, dass sie sofort in Opposition gehen, weil sie denken: egal was sie jetzt sagen werden, Ich denke ja sowieso nur an Kosten. Ich kann das nachvollziehen.
Deshalb haben sich Redakteure schon über die Jahre angewöhnt, in Opposition zu gehen

HeRa: Es ist also ein Kommunikationsproblem. Wie kann man das lösen?

HaKa: Durch zuhören. Die Produktion muss zuhören können. Es ist ein Egoproblem. Die Redakteure haben Egoprobleme, denn sie müssen sich in ihrer Gruppe behaupten. Auch Produktioner haben immer das Manko des unkreativen, grobschlächtigen, knausrigen Neinsagers – also die absolute Spaßbremse vor dem Herren. Deshalb gehen auch Produktioner nach Jahren mit schlechten Erfahrungen entsprechend an Redakteure heran. Das Problem liegt also auf beiden Seiten.

HeRa: Könnte es ein Weg sein, das Problem zu lösen, indem man Preise nennt?

HaKa: Nein, Preise sind reine Verhandlungssache – und zwar teilweise in so abstrusen Verhältnissen, dass du das gar nicht logisch nachvollziehen kannst. Preise sind, wenn du so willst, das Geheimnis der Produktion und sollen es auch bleiben, weil sie auf so vielen Faktoren beruhen. Teilweise sind es Special Deals, die lange erarbeitet wurden. Diese offen zu kommunizieren kann viel Schaden anrichten.

HeRa: Wenn ich als Redakteur den geilsten Film oder Beitrag ever machen soll, habe ich die Wahl: entweder denke ich jetzt groß und habe dann das Problem, dass die Produktion mir alles wieder rausstreichen wird; oder aber ich weiß schon von vornherein, wo die Grenzen liegen und denke schon von Anfang an in realistischen Dimensionen. Diese bekomme ich dann eher bei der Produktionsabteilung durch. Trotzdem möchte ich nicht tiefstapeln, um mir dann hinterher sagen zu lassen, ich hätte auch höher stapeln können. Würde das nicht für das Kommunizieren von Preisen sprechen?

Vielen Redakteuren fehlt das Verhandlungsgeschick
HaKa: Das wird nicht passieren. Kein Produktioner wird dir das sagen [Du hättest höher stapeln können – AdR]. Es ist ein Spiel. Wenn du von vornherein Abstriche machst, ist das zwar gut gedacht, aber das Problem bei dem Spiel ist natürlich, dass ich trotzdem kürzen werde.

Denke mal anders herum. Wenn du höher ansetzt und wir trotzdem Posten rauskürzen werden, haben wir dann das gute Gefühl, Geld gespart zu haben, und du bekommst am Ende trotzdem mehr raus. So gewinnen beide Seiten. Aber bei den meisten Redakteuren fehlt mir das Verhandlungsgeschick. Es fängt bei den Gehältern an. Wieviele Redakteure nennen Preise, wo ich mir denke: beschäftige dich doch mal mit dem Markt. Es gibt Redaktionen, da sitzen Kollegen nebeneinander, die verdienen teilweise die Hälfte voneinander und wissen es nicht einmal.
Redakteure sollten Verhandlungen lernen. Ich brauche dir keine Preise nennen, hole dir die Preise. Ruf doch bei den Firmen an. Tue so, als würdest du Technik buchen wollen und mach dir deine eigenen Preise.

HeRa: Aber das bringt mir nichts, wenn ich nicht weiß, wieviel Budget ich zur Verfügung habe.

HaKa: Da gebe ich dir Recht. Viele Produktionsabteilungen nutzen natürlich diesen Teil der Macht aus. Ich weiß wieviel Geld es gibt und du hast keine Ahnung. Niemals darf ich die realen Zahlen offenlegen. Aber ich darf natürlich einen Rahmen stecken. Da hast du Recht. Das kann ein guter Ansatz sein. Pass auf: für diese Nummer orientiere dich an diesem Betrag. Lass uns dann darüber reden. Komm du mir nicht mit „Was weißt du schon von Szenischer Auflösung“, dann komm ich dir nicht um die Ecke mit „Was weißt du schon von Zahlen“. Wenn wir da immer auf Augenhöhe bleiben, kommen wir auf einen Nenner.
Wenn wir auf Augenhöhe bleiben, kommen wir auf einen Nenner

HeRa: Und als Redakteur bekomme ich so die Chance, ein Gefühl für die Kosten meiner Ideen zu bekommen. Dabei ist es eigentlich egal wie realistisch das kommunizierte Budget tatsächlich ist.

HaKa: Das würde helfen, aber trotzdem ist auch viel Chemie nötig. Wir sind Menschen. Wenn wir uns gut verstehen, macht es vieles einfacher.

HeRa: Was wäre denn in deinen Augen der ideale Redakteur, von den inhaltlichen Dingen mal abgesehen?

HaKa: Ein Profi. Er hat seinen Dreh im Blick. Bevor du zum Dreh rausgehst und wir dir alles besorgt haben, hast du den Beitrag in deinem Kopf schon 3x aufgelöst. Du weißt bis ins kleinste Detail, was du willst. Du hast dein Text schon vorformuliert, du weißt, wo die Kamera stehen soll usw. Das muss nicht heißen, dass es am Ende genau so umgesetzt wird. Es heißt nur, dass du weißt, was du vorhast. Daraus ergibt sich dann von selbst, dass du dir Gedanken darüber gemacht hast, ob du den Kran wirklich brauchst. Umgekehrt ist der schlimmste Redakteur für mich, wenn er denkt: Hach, da guck ich mal was da vor Ort passiert. Das ist ganz oft so. Es muss sich mir ja irgendwie erschließen, warum der Redakteur 2 Drehtage haben will. Ich sage nicht einfach nein, weil ich es kann, sondern weil es sich mir nicht erschließt. Erkläre mir, warum du dieses oder jenes brauchst. Das kannst du nur, wenn du weißt, was du willst.
Der oder die ideale Redanteur*in muss dabei überhaupt nicht die genauen Zahlen kennen. Ich erkläre es mal andersherum. Als am Dreh beteiligter Produktioner halte ich dir den Rücken für deinen Dreh frei, ok? Du drehst. Ich möchte dabei eigentlich gar nicht wissen, warum du dieses oder jenes in deinem Beitrag haben willst. Dafür mischst du dich nicht in alles organisatorische drum herum ein. Weil du weißt, was du willst. Du hast mir das vorher kommuniziert. Ich sage dir, mach dir keine Sorgen, um das drum herum kümmere ich mich. Lass uns keine Zeit mit „ach Mist, das habe ich nicht bedacht“ verschwenden.

HeRa: Der ideale Redakteur fragt also nicht nach?

HaKa: Doch gerne. Wir reden aber hier vom Idealzustand. Wenn der ideale Redakteur mir alles nötige kommuniziert hat und ich ihm all das ermöglicht habe, was er sich gewünscht hat, muss er ja gar nicht mehr nachfragen und über organisatorisches diskutieren. Wenn das passiert, ist also im Vorhinein etwas nicht gut kommuniziert wurden.

HeRa: Hakan, vielen Dank für das wunderbare Gespräch.

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