Emotionen erzählen mit Freunden

Ein gutes Gespräch unterhält. Die Interviews hier habe ich mit kreativen Freunden und Kollegen aus erschaffenden Gewerken geführt. Erzählt ihr auch gern Geschichten mit dem Ziel, bei euren Zuschauern, Lesern oder Hörern Emotionen entstehen zu lassen? Dann können wir ja mal darüber quatschen.

Schwachpunkte im Drehbuch aufdecken mit Hilfe einer Aufstellung

Liebe Autoren*innen und Regisseure*innen, ihr kennt bestimmt folgendes Problem: ihr arbeitet monatelang mit voller Energie an einer Geschichte, doch irgendwie spürt ihr, dass etwas an der Geschichte nicht stimmt. In solchen Momenten hilft Mary C. Baßler weiter. Mit Hilfe der Drehbuchaufstellung spürt sie Schwachstellen einer Geschichte auf. Ich traf mich mit ihr auf ein Interview dazu:

Heiko Raschke: Hallo Mary. Es freut mich sehr, mit dir über Drehbuchaufstellungen sprechen zu können. Kannst du meinen Lesern*innen erklären, was eine Aufstellung ist?

Mary C. Baßler: Aufstellung heißt: Ich nehme Stellvertreter für ein Thema, z.B. kleine Steine oder echte Personen, verteile diese dem Thema entsprechend auf einem Tisch oder im Raum und bekomme dadurch Feedback allein schon durch die Betrachtung von außen. Für den, um dessen Thema es geht, und für alle Involvierten wird sichtbar, wie die Beziehungen zueinander sind. Dadurch erkennt man Konflikte und kann ausprobieren, was eine Entspannung in das System bringt.

Dadurch erkennt man Konflikte

Wenn man mit Personen aufstellt, führe ich diese auf der Bühne an den Platz, der sich für denjenigen, der das Thema mitbringt, gerade richtig anfühlt. Manchmal sind die Leute gekrümmt. Manchmal stehen sie verkehrtherum, manchmal stehen sie im Kontakt miteinander oder sie können sich nicht anschauen. Ich frage dann die aufgestellte Person, wie es ihr gerade geht, was sich verändert hat. Die geben dann einfach nur ihre Wahrnehmung wieder, obwohl sie die echten Konfliktpersonen meist nicht kennen: „Ich werde kurzatmig, meine Beine frieren ein oder ich kann den Blick nicht heben.“

HeRa: Wie ist das möglich?

die Lösung ist schon im System vorhanden

McB: Manche sagen, es sind morphogenetische Felder; manche sagen es ist Quantenphysik; die meisten sagen: Das, was der Körper einmal erfahren hat in seiner Vergangenheit, ist sowieso als Energie in seinem Körper gespeichert. Es wird sichtbar, wenn die Aufstellung beginnt. Und demzufolge – das ist pure Logik – ist auch die Lösung schon im System vorhanden. Nur die Beteiligten können das im Moment nicht sehen. Das ist die klassisch Aufstellung. Da schauen wir: Was können wir tun, um den Konflikt zu entschärfen, bzw. um mehr Frieden, Ruhe oder Leichtigkeit reinzubringen?

HeRa: Wie unterscheidet sich denn die Drehbuchaufstellung zur normalen Aufstellung?

McB: Ich verwende fast die gleiche Grundgrammatik, z.B. Formate wie ein Spannungsbogen, Tetralemma, Überlagerung, oder Verdichtung usw. Die Rahmenbedingungen bleiben also gleich, aber das Ziel ändert sich:

Mit der Heldenreise brauche ich ja einen Spannungsbogenaufbau, der die Zuschauer mit nimmt. Mit der normalen Aufstellung schaue ich mit Hilfe der Grammatik, was ich tun kann, um den Konflikt zu entschärfen. Bei der Drehbuch-Aufstellung schaue ich zunächst, was brauche ich, um den Konflikt für den Helden sichtbarer zu machen, sodass der Held mehr in seine Heldenrolle kommt? Das ist der Kniff.

den Konflikt für den Helden sichtbar machen

Dazu gibt es vorher ein lösungsorientiertes Interview. Dort arbeiten wir heraus, welche Schlüsselszene oder -sequenz wir aufstellen wollen. Wir überlegen gemeinsam: Wo braucht es ’ne Kante, wo einen Farbwechsel? Das arbeiten wir mit der Aufstellung dann heraus.

Auch während der Aufstellung gibt es Unterschiede: Normalerweise sagen wir den Teilnehmern: Alle bleiben stehen. Keiner bewegt sich, bis er angesprochen wird. Beispielsweise berühre ich ihn kurz und frage: was hat sich verändert? Bei der Drehbuch-Aufstellung gibt es einen Punkt bei dem klar wird: das ist das Set – also die Ausgangslage. dann kommt die Ansage: Jetzt bitte jeder 1/10 von dem Impuls den man gern nachgehen möchte. Das führt dazu, dass du siehst: Ahh, mit dieser Bewegung verschärft sich der Konflikt.

mit dieser Bewegung verschärft sich der Konflikt

Eine normale Aufstellung braucht im Schnitt pro Thema etwa 1,5 Stunden. Bei einer Drehbuch-Aufstellung sage ich immer: Geh noch mal auf Toilette, denn unter 3 Stunden gehen wir hier nicht raus. Das ist so der Schnitt. Ein Film geht in der Regel ja 1,5 Stunden. Dann hast du darin so 2 – 3 knifflige Stellen, wo sich der Spannungsbogen ändert und die müssen herausgearbeitet werden. Was braucht der Held, um in die Krise zu kommen, damit die Zuschauer mit ihm mitwachsen können? 

in jedem Konflikt liegt ein Potential

Um Wachstum geht es bei beiden Aufstellungen. Jede Geschichte entwickelt sich in irgend eine Richtung. Wie im normalen Leben, stellt sich gelegentlich die Frage: Wie kommt es zur Entspannung? Wie komme ich zu meinem persönlichen Wachstum? Da hilft mir mein Glaubenssatz, dass in jedem Konflikt ein Potential liegt. Nur dadurch, dass ich den Konflikt mit einer Person habe, kann ich das Potenzial heben – nur mit dieser Person. Das ist der eigentliche Kniff, weshalb wir den Konflikt brauchen. Deswegen gehen wir ins Kino oder ins Theater.

HeRa: Ist es das Ziel der Drehbuchaufstellung, den Konflikt zu verschärfen?

McB: Nein, es geht mehr darum, ihn sichtbarer zu machen. Manchmal wird er verschärft, manchmal müssen noch Protagonisten hinzu kommen, manchmal müssen Protagonisten weg. Das Ziel der Aufstellung hängt auch stark von der Aufgabenstellung ab. Die krasseste, die ich bisher gemacht habe, war aus einem Storyboard. Da existierte noch gar kein Drehbuch. Es waren nur ein paar Skizzen. Lediglich das Ende war klar. Dann schauten wir vom Finale aus: Was brauchen die Beteiligten? Was brauchen die Rollen? So kannst du bei der Aufstellung schon mal das, was die Person schreiben soll, vorverdichten. Das ist genial. 

Die Frage ist: Wie kriege ich den Helden dazu, dass er tatsächlich zur Hauptfigur wird? Es gibt Filme, bei denen ich eine halbe Stunde überlege, um wen es hier eigentlich geht. Da hat sich der Autor einfach verrannt und das vermeidest du so einfach.

HeRa: Während einer Drehbuchaufstellung schaut man von außen auf die Situation, eben wie ein*e Autor*in. Kann man auch den Blickwinkel der Zuschauer einnehmen?

McB: Natürlich. Bei der normalen Aufstellung verwenden wir meistens alle Personen, die da sind. Bei der Drehbuch-Aufstellung kann man manchmal, wenn die Geschichte schon ziemlich gediegen ist, Personen als Zuschauer agieren lassen.

Zuschauer aufstellen

Eine Variante habe ich mal gemacht, da habe ich den Cutter mit dazu genommen. Der hatte schon den Rohschnitt fertig. Den haben wir allerdings nicht gesehen. Da haben wir auch ein paar Leute gebeten: Seid doch mal in der Haltung vom Zuschauer, wie fühlt sich das an? Da kommt dann so etwas als Rückmeldung: Als Zuschauer sehe ich den Helden und gehe mit dem mit und will, dass der den Stein wegschiebt (Mary stellt symbolisch eine Figur neben einen kleinen Stein auf dem Tisch vor uns). Wenn ich aber als Cutter dann dastehe und denke: Oh nein, hier will ich früher wegschneiden. Dann merke ich, dass der Zuschauer das so nicht braucht. Er braucht hier wirklich die Verdichtung. Du kannst also vorweg nehmen, wie es beim Zuschauer ankommen wird; oder in welche Richtung muss die Geschichte noch verstärkt werden? Wo muss der Kameramann neue Bilder finden? So hast du schon Feedback, wie es bei den Zuschauern ankommen wird.

Man kann auch eine Person aufstellen, die die Repräsentanz der Autors an sich mir reinbringt. Der ist in der Szene meist nicht drin, es sei den die Geschichte ist sehr persönlich. Dieser Person sage ich: Du hast eine Sonderrolle, kannst dich frei bewegen. Der kann auch helfen. Wenn er viel innerhalb der Szenerie rumspringt, dann ist das Drehbuch noch nicht rund. Das ist was ganz anderes, wenn er entspannt am Rand zuschauen kann, weil sich alles erschließt. Wenn das Drehbuch von seinem Blickwinkel aus rund ist und verkauft werden kann, dann sollte der Autor es loslassen und sich auch verabschieden. Ein Autor muss ja auch sein Baby loslassen können. Es sei denn wir sind noch kurz nach der Storyentwicklung. Dann sollte er es noch nicht loslassen. Ich habe auch mal eine Geschichte gemacht, da hatte die Geschichte auch viel mit dem Autor zutun. Da musste er auch wirklich einen Ablösungsprozess durchmachen.

HeRa: Beeindruckend. Eine Aufstellung ist also nicht nur für die Entwicklung einer Geschichte nützlich, sonder auch für anderen Stadien der Produktion. Kann ich auch als Regisseur eine Drehbuch-Aufstellung machen lassen?

McB: Ja klar. Das Schönste, was ich mal gemacht habe: Das war eine internationale Coproduktion. Die hatten im Sommer ihren Dreh geplant, wollte aber schon auf der Berlinale im Februar laufen, also sportlich. Sie hatten in den Bergen gedreht. Mitten in der Drehphase bekam ich einen Anruf, ob ich nicht eine Mediation machen könnte. Da haben wir via Skype eine Mischung aus Mediation und Drehbuch-Aufstellung gemacht, bis um Mitternacht die Leitung zusammenbrach, um den Konflikt zu klären; aber auch, um den Film voranzubringen. Denn es war klar: Der Film funktioniert so nicht. Dann haben wir insgesamt eine Woche daran gearbeitet. Ich habe darum gebeten, dass die Cutterin hinzukommen soll. Die wurde quasi via Aufstellung eingewiesen, was sie machen soll. Das Ding ist dann tatsächlich auf der Berlinale gelaufen.

HeRa: Du hast ja schon diverse Aufstellungen gemacht. Bestimmt sind dir dadurch schon Schwachstellen aufgefallen, die bei Drehbüchern immer wieder auftauchen. Hast du vielleicht einen Tipp, was Autoren*innen vermeiden sollten?

McB: Es gibt 5 Möglichkeiten einen Konflikt zu verschärfen. Mehr haben wir nicht. Diese brauche ich auch, wenn ich eine Geschichte erzählen will. Wenn ich aber 3 von diesen Möglichkeiten verwende, habe ich eine Überlagerung. Das fliegt dir um die Ohren und kickt den Zuschauer raus, weil er es nicht mehr fassen kann. Wir brauchen maximal 2 Techniken, um den Konflikt zu verschärfen, dann kann ich mitgehen. Und das wird ganz oft falsch gemacht, weil man wirklich sichergehen will, dass der Protagonist allen Grund zum Handeln hat.

beliebter Fehler

HeRa: Es wird also zu viel gemacht.

McB: Genau, es wir zu viel reingegeben. Eigentlich braucht es Zeit – böse formuliert. Konflikt braucht Zeit zum Reifen, zum Leben und zum Abklingen.

HeRa: Wenn ich jetzt eine Drehbuchaufstellung bei dir machen möchte, was muss ich denn mitbringen, damit wir arbeiten können?

McB: Im Idealfall ein paar Leute, die dir wichtig sind. Oder du sagst: ich brauche unbedingt 3, 4 oder 5 Leute. Maximal acht. Alles andere wird extrem unübersichtlich. Du musst dich mitbringen, Und zumindest die Geschichte die du erzählen willst. In der Regel Frage ich dich, was ist dir wichtig dem Film? Was an dieser Geschichte ist für dich reizvoll? Weil der Film lebt zum einem von dem Auto, zum anderen vom Regisseur. Im Idealfall hast du beide mit. Bring dein Herz du Blut mit. Alles andere findet sich.

HeRa: Mary, vielen Dank für das tolle Gespräch.

Liebe Leser*innen: Habt ihr Fragen an Mary oder seid sogar an eine Aufstellung interessiert? Dann schaut doch mal auf ihre Homepage: www.McBassler.de . Fragen und Anregungen könnt ihr auch gern in den Kommentaren unter diesem Artikel schreiben.

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