Emotionen erzählen mit Freunden

Ein gutes Gespräch unterhält. Die Interviews hier habe ich mit kreativen Freunden und Kollegen aus erschaffenden Gewerken geführt. Erzählt ihr auch gern Geschichten mit dem Ziel, bei euren Zuschauern, Lesern oder Hörern Emotionen entstehen zu lassen? Dann können wir ja mal darüber quatschen.

Berlinale 2015 – alle Artikel zusammengefasst

Dieses Jahr nahm ich mir die Zeit, um mir viele Filme und Panels auf der 65. Berlinale anzuschauen. Ganze 6 Artikel ergaben sich daraus. Hier findet ihr alle Artikel zu einem zusammengefasst.

Berlinale (1) – aller Anfang ist schwer

Endlich ist wieder Berlinale-Zeit! Ich werde mir wieder jede Menge Filme und Podiumsdiskussionen anschauen und euch von meinen Erlebnissen auf dem größten deutschen Filmfestival berichten. In diesem Artikel erfahrt ihr, warum mein Berlinale-Start nicht so gut verlief. Außerdem präsentiere ich euch meinen Programmplan. Damit bekommt ihr schon jetzt einen kleinen Einblick, worüber ich die kommenden Tage schreiben werde. Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen und würde mich über Kommentare, Likes und Weiterleitungen freuen. Dieses Jahr sollte alles glatt gehen. Endlich habe ich rechtzeitig meinen Berlinale-Urlaub eingereicht. Vorbei das ewige Anstehen nach Feierabend an der Kinokasse, weil natürlich alle reservierbaren Karten schon längst vergriffen sind. Das war zumindest der Plan – falsch gedacht. Ich setzte mich also an meinem ersten Urlaubstag gemütlich an meinen Laptop, um meine Berlinale-Planung zu machen. Eines hatte ich natürlich nicht auf dem Schirm: man konnte schon Tage vor dem Start Karten für die ersten Filme reservieren. Die Vorstellungen der ersten Tagen waren deshalb schon ausverkauft. Das war ja sowas von klar. Also verbrachte ich meinen ersten Urlaubstag damit, mich online durch das gesamte Berlinale-Programm zu lesen und Karten ab Sonntag zu reservieren. Zugegeben – das ist ein schwacher Berlinale-Start.

DAS ONLINE-ANGEBOT

Eines muss man der Berlinale lassen. Das Onlineangebot ist echt gut. Man kann sich zu allen Film und Veranstaltungen mit Hilfe von Bild, Text und manchmal auch mit Videoclips informieren. Außerdem gibt es einen Kalender, in dem man all seine Filme eintragen kann. Mit einem klick lässt sich außerdem alles in iCal importieren. Somit habe ich alle Infos auf meinem Handy und Laptop griffbereit – wie praktisch. Übrigens kann man sich die Tickets auch auf’s Handy holen via myPassbook. Ich werde es mal ausprobieren. Habt ihr damit schon Erfahrungen gesammelt?

DIE ERÖFFNUNGSFEIER

Jahr für Jahr werden alle deutschen Künstler mit Rang und Namen, sowie die Kollegen, deren Filme auf dem Festival laufen, zur Eröffnungsfeier eingeladen. Das ist durchaus eine große Sache für die Branche und toll, dass es so etwas gibt. Ich verfolgte das Spektakel im Fernsehen auf 3Sat. Falls ihr es verpasst haben solltet, kann ich euch beruhigen. Ihr habt nicht viel verpasst, denn irgendwie wirkte die Veranstaltung sehr verkrampft. Warum nur mutet man dem Publikum, also all den kreativen Köpfen unserer Unterhaltungsindustrie, gähnend langweilige Reden von Politikern zu? Das ist ja regelrecht peinlich. Müsste man nicht gerade der Unterhaltungsindustrie ein Vorbild sein und hochwertige Unterhaltung liefern? Statt dessen hat die Moderatorin Anke Engelke ihre Mühe, die Stimmung auf der Bühne trotz der teils sehr anstrengenden Gästen oben zu halten. Ich habe da durchaus großen Respekt vor ihrer Leistung. Hätte sie nicht durch den Abend geführt, würde das ganze Event zu einer verkrampften, altbackenen Show verkommen, gegen die „Wetten, dass…?“ modern wirkt. Die langweiligen Reden erwähnte ich ja bereits; aber auch die Einspieler waren keineswegs unterhaltsam. Es wurden zu kurze Ausschnitte aus kommenden Filmen gezeigt, sodass man sich überhaupt nicht auf ein Werk einlassen konnte. Hätten sie doch lieber weniger Filme gezeigt und diesen dann dafür mehr Raum gegeben. Schade. Geht man allerdings nach der hiesigen Presse, sind die Kleider der eingeladenen Schauspielerinnen das Einzige, was an diesem Abend wirklich zählte. die Eröffnungsfeier online in der 3Sat-Mediathek

TAG 2 – ICH WERDE KRANK

Na toll. Mein zweiter Urlaubstag beginnt und es passiert, was gern passiert. Ich werde krank. Gerade tippe ich diese Zeilen mit hohem Fieber, Husten und Kopfschmerzen. Na das nenne ich einen gelungenen Start. Wenigstens brauche ich mich so nicht darüber zu ärgern, dass ich für die ersten Tage keine Karten bekam. So könnte ich die Vorstellung keinesfalls wahrnehmen.

TAG 3 – ES GEHT BERGAUF

Mir geht es schon besser. Fieber und Kopfschmerzen sind fast weg. Wenn es so weitergeht, bin ich morgen wieder voll da und kann endlich die Berlinale genießen. Drückt mir die Daumen.

MEIN BERLINALE-PROGRAMM

Es wird Zeit für einen Überblick über die Filme und Panels, die ich mir dieses Jahr angeschaut habe. Ihr findet hier neben den offiziellen Beschreibungen der Filme auch mein Fazit dazu.  


 

Berlinale (2) – von Co-Produktionen, Jugendliebe und einer Vergewaltigung

Berlinale Podium Am Sonntag gab es gleich 3 Programmpunkte für mich. Heute erzähle ich euch von internationalen Co-Produktionen, von Jugendliebe auf russisch und der Überlegung, wie eine Dorfgemeinschaft mit einer Vergewaltigung umgeht. Ich mache mich auf den Weg zum Veranstaltungsort „Hebbel am Ufer“ 3 in Kreuzberg. Die Berlinale ist ja sehr bemüht darum, ein Gefühl von Glamour zu versprühen. Hier merkt man nichts davon. Man muss durch einen kleinen Innenhof, eine unscheinbare Treppe hoch und gelangt dann in einen gemütlichen Vorraum, in dem sich jede Menge wartende Gäste tummeln – irgendwie sympathisch.

CLOSE-UP GERMANY

Offizielle Beschreibung

Interested in making films with German partners? German film funding organisations present their respective initiatives and objectives in supporting and promoting German cinema. Find out what would qualify your project to apply for funding through these organisations. With Frank W. Albers, Christine Berg, Veronika Grob and Mariette Rissenbeek. In cooperation with Medienboard Berlin-Brandenburg, Robert Bosch Stiftung, FFA and German Films. Link zur Berlinale-Seite

So sah ich das Event

Den Auftakt machte für mich die Podiumsdiskusion „Close-up Germany“. Hier sprachen Frank W. Albers (Robert Bosch Stiftung), Christine Berg (FFA), Veronika Grob (Medienboard BB) und Mariette Rissenbeek (German Films) über die Möglichkeiten, die es in Deutschland gibt, internationale Co-Produktionen zu finanzieren.

zusammengefasst

Es wurde hier schnell klar, dass die Systeme in Deutschland erst anlaufen können, wenn das Geld aus dem Ausland fix ist. Auf Spielchen ala „Wir sind nur bereit Geld dazu zu geben, wenn Förderfont XY auch zahlt“, lassen sich die Fonts nicht ein. Außerdem sollte man sich bewusst machen, dass internationale Co-Produktionen immer teurer und schwieriger zu stämmen sind, als rein nationale. Das Drehbuch muss die Drehs im Ausland also wirklich brauchen, sonst macht man es sich nur unnötig schwer. Für Regisseure gab es noch den Tipp, wenn sie Produktionspartner im Ausland suchen, sollten sie sich aktuelle Produktionen im Zielland anschauen und sich die Firma nach dem entsprechenden Film aussuchen. Dann ist die Chance höher, dass man auf den gleichen Geschmack trifft. MIt frischem Input für Ideen auf internationaler Ebene geht es für mich zu meinem ersten Spielfilm dieser Festspiele.

14+

Offizielle Beschreibung

Zärtlich streichelt Alex mit seinem Cursor über die geposteten Bilder von Vika. Seit er sie mit ihren Freundinnen gesehen hat, ist Alex völlig verknallt und denkt an nichts anderes mehr. Jetzt hat er Vikas Profil in einem Netzwerk gefunden und viel über sie in Erfahrung gebracht. Sie ahnt davon nichts. Und sie scheint unerreichbar für Alex zu sein, denn ihre Schule und ihr Wohnblock sind Feindesland für ihn. Trotzdem schleicht sich Alex in eine Disco an ihrer Schule und bittet Vika mutig um einen Tanz. Empört über den Eindringling verprügeln die anderen Jungen Alex. Doch der schlimme Vorfall hat sein Gutes: Vika tut die Sache leid, und sie meldet sich bei Alex. Zaghaft erwidert sie seine Gefühle. In heimlichen Treffen kommen sich Alex und Vika näher. Unsicher, denn jede Geste, jeder Satz und jede Berührung sind aufregendes Neuland. Sie haben Angst, etwas falsch zu machen, und machen alles richtig. Der Film erzählt die ebenso turbulente wie berührende Geschichte einer ersten Liebe in einer endlos weiten Hochhausvorstadt. Wenn hier auch manches an „Romeo und Julia“ erinnert: Zuletzt sind die Liebenden nicht im Tod vereint, sondern im Leben. Link zur Berlinale-Seite

So sah ich den Film

Russische Plattenbauten, wohin das Auge reicht. Sie wirken wie menschliche Massentierhaltung. So systematisch, wie die Menschen in ihren Wohnzellen wohnen, sind auch die Schulen verteilt. Sie tragen nicht einmal Namen, nur Nummern. In diesem Wohngebiet wächst Alex auf, ein 14 jähriger Teenager. Er trägt gern Superhelden-T-Shirts und ist im allgemeinen eher still und schüchtern. Ein Mädchen namens Vika hat sein Interesse geweckt. Sie wirkt cool, distanziert und abgeklärt. Außerdem geht sie auf die befeindete Schule. Er kann sie nicht einfach so ansprechen. Das würde Wolfi, ein Schlägertyp mit seinen 4 Lakaien nicht zulassen. Also muss Alex zusammen mit seinen Freunden einen Weg zu Vika finden, ohne Wolfi zu begegnen. Natürlich sind die Eltern alles andere als eine Hilfe dabei.

mein Fazit

Als der Abspann läuft, versinke ich ganz gerührt in meinem Sitz. Dieser russische Film mit deutschem Untertitel ging mir echt an Herz. In vielen Szenen fühlte ich mich an meine Jugend zurückerinnert.  Dieser Film zeigt wunderbar gefühlvoll und sanft, wie Vika und Alex ihr Kindsein abstreifen und reifen. Keiner von beiden möchte etwas falsch machen und machen dabei ganz aus versehen alles richtig. Hach wie schön. Schade nur, dass dieser herzliche Film nie in die deutschen Kinos kommen wird. Mit diesem wohligen Gefühl im Bauch setze ich mich in den Saal zum nächsten Film. Dieser sollte mir diese schöne Stimmung schnell vermiesen.

FLOCKEN

Offizielle Beschreibung

In dem kleinen Dorf hoch im Norden Schwedens gehen die Menschen noch zur Kirche. Die Tage sind kalt und grau, aber jeder kennt jeden, und alle halten zusammen. Das klingt nach Idylle und Geborgenheit. Oder nach bedrohlicher Enge. Wie in dieser Geschichte, die auf wahren Begebenheiten beruht. Jennifer beschuldigt einen Schulkollegen, sie vergewaltigt zu haben. Polizei und Justiz behandeln den Fall nüchtern. Die Leute im Dorf wollen nicht wahrhaben, dass derartiges bei ihnen geschehen ist. Die Mutter des Jungen drängt Jennifer und ihren Sohn zu einer versöhnlichen Umarmung. Danach aber entfacht sie einen Shitstorm im Netz. Bald richtet sich der geballte Zorn des Dorfes nicht gegen den beschuldigten Jungen, sondern gegen Jennifer, die mit ihrer Aussage das Nest beschmutzt. Selbst der Pfarrer, Freundinnen und ihre eigene Schwester wenden sich gegen sie. Dabei haben die Dörfler nicht nur Jennifer, sondern auch den Rest der Familie im Visier. Ein Albtraum für das Mädchen und die wenigen, die ihm noch zur Seite stehen. Eindringlich zeigt der Film eine dramatische Entwicklung, bei der am Ende alle nur verlieren. Link zur Berlinale-Seite

So sah ich den Film

Der Film startet kurz noch der Vergewaltigung von Jennifer, Schülerin einer kleinen, schwedischen Dorfgemeinschaft. Im Verhör mit der Polizei schildert sie unter Tränen die Tat. Fix und fertig kommt sie ins Klassenzimmer zurück. Ihr mutmaßlicher Peiniger wird sofort darauf ins Verhör genommen. Überraschender Weise reagieren alle Mitschüler absolut nicht mitfühlend. Im Gegenteil. Sie beschimpfen sie als Hure und Lügnerin. Während sich mein Bauch verkrampft merke ich, dass ihr Peiniger Alex zu den beliebten Mitschülern zählt. Er steht auf der Sonnenseite, während die schüchterne Jennifer nun noch mehr um ihren Platz in der Klasse kämpfen muss. Der Film nimm richtig fahrt auf, als Alex vom Gericht für schuldig gesprochen wird. Die Dorfgemeinschaft kann das absolut nicht glauben und fechtet das Urteil an. Der Hass der jungen Mitschülerin gegenüber wird immer stärker, die Abwärtsspirale dreht sich immer heftiger. Ich ertappe mich dabei, wie ich dem schüchternen Mädchen zurufen möchte, dass sie sich endlich wehren soll. Aber die Macht der Erwachsenen ist zu stark. Besonders die Mutter von Alex hetzt die Gemeinschaft auf biis Blut fließt.

mein Fazit

Flocken ist ein sehr bedrückender Film. Er beschäftigt sich mit einem unglaublich wichtigen Thema, dass uns allen etwas angeht. Die Regisseurin lässt spätestens ab der Gerichtsverhandlung keinen Zweifel daran, dass Alex es getan hat. Es ist kein Film über Schuld oder Unschuld, sondern ein Film über soziale Dynamiken und welche dunkle Seite sie haben können. Leider trübte meine positive Meinung über diesen Film etwas, dass im Anschluss beim Q&A mit der Regisseurin eine Frau im Publikum das Mikro ergriff und sagte: Sie bedanke sich sehr für den Film; er zeige wunderbar, wie scheiße die Gesellschaft und besonders die Männer sind. Die Regisseurin antwortete darauf wunderbar, sie solle sich morgen besser einen freudigen Film anschauen.

 


 

Berlinale (3) – zwei Brüder, ein großer Autor und spielende Kinder

Heiko vor dem HAU Dieses Mal gönnte ich mir einen Film und zwei weitere Panels der Berlinale 2015. Im Film „How to win at checkers“ wird das Band zwischen Brüdern thematisiert. Matthew Weiner spricht in „Drama Series“ über seine Arbeit als Autor für the Sopranos und Mad Man. Den Abschluss dieses Artikels bildet die Arbeit mit Kinder-Schauspielern. Heute zog es mich ins HAU 1, einem angenehmes, altes Theater mit ewig hoher Decke, um den Film „How to win at Checkens (every time)“ zu sehen. An diesem Werk waren diverse Teilnehmer des Berlinale Talent Campus involviert, klar dass er auch hier beim Berlinale Talent Campus näher besprochen wurde.

HOW TO WIN AT CHECKERS (EVERY TIME)

Offizielle Beschreibung

Die ärmlichen Außenbezirke von Bangkok sind eine Welt, in der man sehr früh lernt, erwachsen zu sein. Nach dem Tod beider Eltern leben der elfjährige Oat, seine kleine Schwester und sein älterer Bruder Ek bei ihrer Tante. Ek arbeitet in einer Stricher- und Transenbar und hat schon seit der Schulzeit eine Liebesbeziehung mit Jai, dem Sohn reicher Eltern. Diese ungleiche Liebe wird auf eine entscheidende Probe gestellt, als der jährliche Tag der Einberufung naht, an dem per Lotterie entschieden wird, wer zum Militärdienst muss und wer zu Hause bleiben kann. Der kleine Oat stiehlt beim Mafiachef der Gegend Geld, um damit den geliebten Bruder, den Ernährer der Familie, vom Militär freizukaufen. Das hat dramatische und traumatisierende Folgen. Aus der Sicht des kleinen Bruders erzählt, wirft der Film einen erfrischend ungeschönten und unvoreingenommenen Blick auf ein eigentlich liebevolles Milieu, in dem jedoch die gesellschaftlichen Verhältnisse von Käuflichkeit, Korruption und falschen Idealen bestimmt sind. Link zur Berlinale-Seite

So sah ich den Film

In Thailand ist es Tradition, dass mit dem 20. Lebensjahr alle Männer versammelt werden. Sie müssen dann ein Los ziehen, welches entscheidet, ob sie zur Armee müssen. Der Film beginnt kurze Zeit vor dem Tag der Lotterie für Ek. Er verdient Geld als Prostituierter, um seine Familie durchzubringen. Der Vater ist schon längst verstorben. Sein kleiner Bruder Oat geht noch zur Schule. Als Ek das Los für die Armee zieht, bricht für die ganze Familie eine harte Zeit an.

mein Fazit

An der ungriffigen Beschreibung merkt ihr es schon, der Film ist nicht gerade von einer prägenden Handlung getrieben. Diese scheint fast schon nebensächlich. Viel mehr legte der Regisseur Wert auf die Liebe der Brüder zueinander und zu ihrer Familie. Sie gehen sehr herzlich miteinander um und man merkt, wie sehr Ek versucht seinen Bruder von den negativen Seiten der Welt zu beschützen. Der Titel ist leider nicht gerade gut gewählt, da das Checkers-Spiel viel zu nebensächlich ist. „How to win the Lotterie“ wäre treffender gewesen. Mich sprach der Film leider nur mittelmäßig an. Mir liegt einfach zu viel an einer guten Handlung. Sehr positiv viel mir an diesem Film auf, wie die Homosexualität von Ek und die Transsexualität von Kitty, einer Nebenrolle, zwar dargestellt, aber absolut nicht thematisiert wird. Es fühlt sich für mich wunderbar entspannt und locker an, wie unaufgeregt beide Fakten zur Nebensächlichkeit in dem Film werden. In Thailand ist beides anscheinend schon längst im Alltag angekommen. Wäre es eine deutsche Produktion gewesen, hätte sich Ek bestimmt in mindestens einer Szene für seine Sexualität rechtfertigen müssen.

DRAMA SERIES: LAND OF ENDLESS OPPORTUNITIES
Matthew Winer auf der Berlinale

Offizielle Beschreibung

Legendary drama series writer, director and producer Matthew Weiner (Mad Men) has brought us stories that are as catchy as good ad campaigns and characters as deep as the bottom of Don Draper’s glass of whisky. This year a member of the International Jury, Weiner will share his rich experiences with shaping stories in the long run of a series and as a feature film director. In cooperation with European Film Market and Berlinale Co-Production Market. Link zur Berlinale-Seite

So sah ich das Event

Da betritt ein Mann die Bühne, der wahrscheinlich mehr Erfahrung mit Drehbüchern hat, als alle im Publikum zusammen – und genau diesen Respekt spürt man absolut im Saal. Er redet sehr ausführlich über seine Arbeit für die Serie Mad Man und über sein Leben als Autor. Einfach alles, was aus seinem Mund kommt, hat Wirkung, auch wenn manch ein Tipp von ihm nicht neu ist. Matthew Weiner erhielt bereits 8 Emmy Auszeichnungen – darunter fünf mal in Folge in der Kategorie „Outstanding Drama Series“ für „Mad Man“ und „the Sopranos“. Er gehört dieses Jahr der internationalen Berlinale-Jury an. Zu Anfang sprach er kurz darüber, wie er die Restriktionen, die ihm vom Sender AMC für die Serie Mad Man auferlegt werden, teilweise auch als Chance sieht. Wenn man garantieren kann, dass nie Naktszenen in der Serie vorkommen werden, weil der Sender das nicht erlaubt, bekommt man z.B. Zugang zu ganz anderen Schauspielerinnen. Was seine Arbeit im Writers Room angeht, ist es für ihn absolut normal, dass in Drehbüchern alles komplett umgeschrieben wird. Das gehört zum kreativen Prozess einfach dazu. Kritik ist dabei ein wichtiger Bestandteil. Als kreativer Kopf sollte man sich sowieso daran gewöhnen, dass man kritisiert wird. Harte Urteile, besonders wenn sie von engen Kollegen, Freunden und Familienmitgliedern kommen, sind viel wert, auch wenn sie erst einmal weh tun. Für mich war besonders seine Aussage interessant, dass der Regisseur das Drehbuch möglichst exakt umsetzen sollte. Er kann besten Falls noch eine Ebene an Subtext, Farbe, Emotionen etc. hinzufügen, wenn dafür noch Platz ist; aber das Drehbuch sollte ganz oben stehen.

BASIC TRUST: GROWING RELATIONSHIPS WITH ACTORS
Ursula Meier auf der Berlinale

Offizielle Beschreibung

Director Ursula Meier is known for the ability to create story worlds truly eye-to-eye with protagonists and actors of all ages. Presenting clips from Kacey Mottet Klein, Birth Of An Actor, which screens at this year’s Berlinale Generation, as well as excerpts from Home and Sister, Meier will grant insight into her intimate work on set with professional and non-professional actors. In cooperation with Berlinale Generation. Link zur Berlinale-Seite

So sah ich das Event

Ursula Meier ist eine französisch-schweizerische Regisseurin. Sie arbeitete viel mit Kinder-Schauspielern zusammen und sprach in diesem Panel über ihre Arbeit mit ihnen. Für mich war es sehr spannend zu erfahren, wie ihrer Meinung nach viele Regisseure junge Schauspieler/innen verheizen, weil sie sie nicht an den Beruf des Schauspielers heranführen. Für die kleinen Kinder ist Schauspiel am Anfang wie Kindertheater. In ihrer Naivität machen sie fast versehentlich alles richtig. Irgendwann entwickeln sie allerdings einen Ehrgeiz und wollen „noch besser“ so tun als ob. Dann übertreiben sie und sind nicht mehr authentisch. Deshalb sieht man viele Kinder nur einmal in einem Film mitspielen. Danach sind sie verheizt. Ursula Meier geht einen anderen, nachhaltigeren Weg. Sie führt die Kinder von Anfang an langsam an den Beruf des Schauspielers heran. Sie vermittelt ihnen dabei, wie wichtig es ist, nicht einfach nur so zu tun als ob. Man muss sich richtig hinein versetzen. Man muss es in dem Moment sein. Und genau das trainiert sie in langen Proben mit den Kindern. Das ist sehr mühsam, aber auch notwendig, wenn man das Kind nicht verheizen will. Um herauszufinden, ob ein Kind so etwas überhaupt mitmachen möchte, nimmt sie sich schon beim Casting sehr viel Zeit für die Kinder. So lässt sich auch gleich herausfinden, wie lange das Kind konzentriert mitarbeiten kann.

 


 

Berlinale (4) – die Festivalphase und Kurzfilme ohne Handlung

Diskussionsrunde Für mich standen gestern zwei ganz besondere Punkte auf meinem Programmplan: Das Panel „Short Cuts“ mit Tipps für Kurzfilme und die Vorführung von 5 Kurzfilmen aus der „Berlinale Shorts“-Reihe. Hier kommt meine Zusammenfassung für euch: Ich renne von der U-Bahn U1 zum HAU2, dem Veranstaltungsort dieses Events, auf das ich mich schon seit Tagen freue. Ordentlich außer Atem stolpere ich in den Vorraum zum Saal, in dem sich eine Menge wartende Interessierte mit den Hufen scharren. Noch bevor sich mein Puls erholen kann, beginnt der Einlass zum Saal. Zuschauer, die glaubten der Sitzplatz neben ihnen würde sich super als Ablageplatz für die Jacke eignen, werden schnell eines besseren belehrt. Es wird voll.

SHORT CUTS

Offizielle Beschreibung

Help, I’ve done a great short film! Producers, festival programmers and distributors, all passionately dedicated to the short form, talk about the different ways to present your short film. This panel will consider the reasons for and advantages of making a short, how to create a unique buzz and find the right presentation context and how to make the most out of your film through distribution, sales, festivals, etc. With Sabine Brantus, Laurent Crouzeix, Jukka-Pekka Laakso and Jan Naszewski . In cooperation with European Film Academy and Berlinale Shorts. Link zur Berlinale-Seite

So sah ich das Event

In der Mitte dieses Studio-ähnlichen Raumes sitzen Sabine Brantus (ARTE), Laurent Crouzeix (Kurzfilmfestival Clermont), Jukka-Pekka Laakso (Tampere Film Festival) und Jan Naszewski (CEO New Europe Filmsales). Sie sprechen über die Auswertungsmöglichkeiten von Kurzfilmen mit dem Hauptschwerpunkt auf Festivals, denn die bilden den wichtigsten Abschnitt im Leben eines Kurzfilmes. Sabine Brantus von ARTE erklärt schon zu beginn, dass sie bei ARTE nur wenig Fläche für Kurzfilme überhaupt zur Verfügung hat. Auf die Chance, da rein zu kommen, sollte man besser nicht setzen. Auch Jan Naszewski von New Europe Filmsales macht deutlich, dass man Kurzfilme niemals machen sollte, um Geld zu verdienen. Dieses Glück wird den wenigsten zu Teil. Doch auch diese Info überrascht nicht. Als wichtigste Plattform bleiben die Festivals. Deshalb drehte sich dann auch der größte Teil dieses Panels um eben diese. Es wurde auch über den Trend geredet, dass sich Kurzfilme immer mehr von den gelehrten, narrativen Strukturen entfernen. Auf der Bühne war man sich einig, dass dieser Trend keine gute Entwicklung darstellt und von allen Seiten mehr Narration gewünscht wird. Ich musste schmunzeln, da ich mir genau das jedes Jahr bei den Berlinale Shorts wünsche, aber dazu später mehr. Im Anschluss gab es dieses Mal kein übliches Q&A. Dafür wurden eine Menge Papphocker hervorgezaubert und man konnte sich zu einem der Gäste hinzu setzen, ihnen persönlich Fragen stellen und zuhören.

Mein Fazit

Ich drücke zu beginn etwas die Daumen, dass dieses Mal bitte mehr tolle Infos für mich herum kommen, als bei den üblichen Berlinale-Events. Meine Erwartungen werden voll erfüllt. Ich fasse für euch mal ein paar der für mich wichtigsten Infos zusammen:

 Es ist komplett egal, in welcher Sprache man den Film dreht.

 Man sollte möglichst auch zu den Festivals reisen, auf denen sein Film gezeigt wird. So erlebt man das Feedback der Zuschauer hautnah, man trifft Interessenten und lernt Kollegen diverser Gewerke kennen.

 Dein Film sollte so kurz sein, wie es nur irgendwie geht. Je länger er ist, desto schlechter stehen seine Chancen, überhaupt irgendwo gezeigt zu werden. Festivalbetreiber wollen möglichst viele Filme vorführen. Dein Projekt muss dann mindestens so gut sein, wie 3 kürzere Filmchen, damit es sich lohnt deinen längeren Streifen auszustrahlen.

 Alle auf der Bühne haben einige Themen schon zum erbrechen oft gesehen. Sei es Selbstmord, Leben auf der Straße oder Ähnliches. Sie wollen überrascht werden. Suche dir lieber ein Thema für deinen Film aus, dass noch nicht so ausgelutscht ist. Dann erhöht sich die Chance, dass jemand genau deine Geschichte sehen will.

 Gib dein Drehbuch vor dem Dreh möglichst vielen Menschen zum Lesen und hole dir Feedback. Das wird dich vor Fehlern bewahren, die du später nicht mehr ausbügeln kannst.

 Es macht durchaus Sinn, eine gewisse Zeit auf die Zusage von A-Festivals für deinen Film zu warten. Lass aber nicht zu viel Zeit verstreichen, denn sonst sind auch die kleineren Festivals dicht und am Ende hat kaum jemand deinen Film in der wichtigen Festivalphase gesehen.

BERLINALE SHORTS 2
Wunderbar beflügelt von dem vielen Input des vorherigen Panels reise ich zum Kino Colosseum und reihe mich in die große, wartende Menge vor dem Kinosaal ein. Offensichtlich ist das Interesse an Kurzfilmen enorm. Ich frage mich, warum die Fernsehsender auf diesem Auge nur so blind sind – in einer Zeit, in der nichts kurz genug sein kann? Aus Erfahrung der letzten Jahre weiß ich, dass ich im Schnitt mit der Hälfte aller Kurzfilme auf der Berlinale unzufrieden sein werde. Trotzdem gebe ich dem Festival jedes Jahr auf’s Neue die Chance, mich eines besseren zu belehren und mir tolle Werke zu zeigen, für die sich wenigstens ein Teil der 11,50€ Eintritt gelohnt haben. Zum Teil hat es sich gelohnt, aber eben auch nur zum Teil.

PLANET Σ

In 12 Min. Länge sehe ich, wie in Eis eingefrohrene Insekten auftauen, zum Leben erwecken, über Pilze fliegen und sterben. Das Ganze wurde mit Hilfe von Zeitraffer und Makro-Aufnahmen realisiert. Die Handlung dieses Werkes trifft nicht meinen Nerv. Lediglich die Makroaufnahmen sehen ganz interessant aus; daran sehe ich mich allerdings schnell satt. Der unangenehme Soundtrack tut sein übriges dazu.

Pebbles at Your Door

Um die Familienehre nicht weiter zu beschmutzen muss die Mutter und die kleine Schwester der Protagonistin aus Nordkorea fliehen. Das Leben der Helden ist von nun an von dem Wunsch geprägt, sie wiederzusehen. Dieses Geheimnis bringt die Frau zum Zenit ihres Lebens dazu, ihr nordkoreanisches Vorzeigeleben aufzugeben und ihre Mutter und Schwester zu suchen. Während die Stimme der Protagonistin über ihr Leben erzählt, bekommt man Bildkollagen zu sehen – teilweise aus Propagandamaterial, Gefilmtes, oder Gezeichnetes zusammengesetzt. Die Stimmung ist sehr dicht, während die Bilder schön sanft ineinander übergehen. Diese 18 Min. Film vergehen wie im Flug, weil sie mich fesseln. Ich will wissen, ob sie ihre Mutter und Schwester je wiedersehen wird. Toll! So muss ein Kurzfilm sein.

Dissonance

Ein alter Mann darf sich seiner Exfrau und seiner Tochter nicht weiter als bis auf 100m nähern. Er musiziert nun vor deren Haus mit einem alten Leierkasten und träumt sich in eine skurrile Welt hinein. Sein Wunsch: die Tochter würde zu ihm kommen, ihm zuhören und vielleicht sogar das Klavier spielen lernen. Er bekommt seine Chance. Dieser 17 Min.-Film verschmilzt die skurrile Fantasiewelt des alten Mannes mit der Realität. Diese wirkt zudem sehr schön labyrinthartig animiert. Der Klaviersoundtrack ist einfach wunderschön und hinterlässt Spuren im Herzen. Es könnte ein klasse Kurzfilm sein, hätte sich der Autor nur mehr Mühe mit der Handlung gegeben. Diese ist leider sehr flach geraten und verwirrt. Das Kuscheltier lenkt beispielsweise nur ab; Dass er Sehnsucht nach seiner Tochter hat, begreife ich auch ohne. Schade.

Of Stains, Scrap & Tires

Ein Mann fährt durch die Straßen und telefoniert dabei. Ich erfahre, dass er Autos kaufen will. An einem Parkplatz angekommen, untersucht er ein parkendes Auto. In seiner Werkstatt repariert er mit Kollegen alte Autos, füllt sie mit Ersatzteilen auf und macht sie fertig für den Abtransport nach Afrika. Preisfrage: Wieviele Minuten unterhält euch die eben beschriebene Handlung? Ich meine, man trifft ja nicht jeden Tag auf solche Autohändler. Ich schätze mal, so 6 bis 8 Minuten würden reichen, dem Zuschauer alles Wichtige zu erzählen. Hätte der Regisseur den Mut gehabt, diesen Film auf eine solche Länge zu kürzen, sein Film hätte mir durchaus gefallen. Leider ist dieses Projekt sage und schreibe 19min lang. Neben mir fingen schon Zuschauer an zu gähnen.

Take What You Can Carry

Lilly, Mitte 20, kommt spät nach Hause. Lilly frühstückt. Lilly hat Schauspieltraining. Lilly nimmt Wäsche ab. Lilly passt auf ein Kind auf. Lilly steht im Park rum. Das ist die „Handlung“ von „Take what you can carry“. Besser wäre wohl der Titel „Ein langweiliger Ausschnitt aus einem langweiligen Leben“ gewesen, denn dieser Film war 30 Minuten verschwendete Lebenszeit. Es ist eigentlich nicht mein Ding, schlecht über Werke anderer zu reden, aber an diesem Film gibt es leider nichts Positives zu entdecken. Ich muss an den Wunsch der Festivalbetreiber aus dem Panel zuvor nach mehr narrativem Inhalt denken. Wie ist eure Erfahrung mit den Kurzfilmen auf der Berlinale? Gehe ich zu hart mit den Werken ins Gericht, oder sehr ihr das ähnlich?

 


 

Berlinale (5) – ein Streichelzoo, ein nackter Norweger und politische Aktivisten

Heiko vorm Kino Das tolle an einem Festival wie der Berlinale ist ja die Möglichkeit, Filme zu schauen, die man sonst nie zu sehen bekommt. Darunter befinden sich manchmal unglaubliche Perlen. Wenn ich einen solchen Film entdecke, fühlt es sich für mich ein bisschen so an, als hätte ich einen kleinen Schatz gefunden. Das ist auch dieses Mal wieder passiert.

PETTING ZOO

So sah ich den Film

Die 17-jährige Layla steht kurz vor ihrem High-School-Abschluss, als ein Brief ins Haus flattert – die Zusage für ein Stipendium. Das Leben kann so wundervoll sein; doch dann folgt der Schock für Layla: sie ist schwanger von ihrem Kiffer-Freund. Ihre Eltern verbieten ihr die Abtreibung; das Stipendium muss sie ablehnen; mit dem Freund ist Schluss. So dreht sich das Schicksals-Karussell für Layla weiter. Doch das Mädchen ist hart im Nehmen. Irgendwie schlängelt sie sich trotzdem durch und finden ihren Weg.

mein Fazit

Petting Zoo ist ein Teenage-Film der anderen Art. Er ist langsam, leise und unaufgeregt erzählt. Damit bildet er sicherlich viel realistischer das Leben einer Jugendlichen in Texas ab. Dafür bleibt für mich als Zuschauer der Film nur im Mittelmaß hängen. All die Probleme, die im Mittelteil des Filmes auftauchen, bringen die Heldin nicht aus dem Konzept. Sie sind höchstens kleine Steinchen auf ihrem Weg. Die junge Frau musste an keiner Stelle etwas lernen, sich weiterentwickeln oder etwas riskieren. Den ganzen Film über reagiert sie nur auf alles, was auf sie einströmt. Das krönt sich dann mit dem zweiten Schicksalsschlag gegen Ende des Filmes, den sie ebenfalls nicht aktiv herbeiführt. Zumindest beim 2. Plotpoint hätte Layla aktiv werden müssen. Sie hätte z.B. ihr Kind heimlich abtreiben können, oder irgend etwas anderes tun können, sodass ihr Körper das Kind abstößt. Dann wäre sie aktiv geworden und ich hätte als Zuschauer eine Wandlung von ihr erlebt, die so nun ausbleibt. Eines liegt mir noch auf dem Herzen: Zum Q & A nach der Vorführung frage ein Mann die Regisseurin, warum sie „Streichelzoo“ als Titel für den Film auswählte. Die Regisseurin gab ehrlich zu, dass der Titel nichts mit dem Film zutun habe. Statt dessen erzählte sie eine Geschichte über einen Streichelzoo, an den sie während der Dreharbeiten denken musste. Ich kann hier nur mit dem Kopf schütteln. Wie kann man seinem Film einen Titel geben, der nichts mit dem Inhalt zutun hat? Was ist das bitte für ein Verrat am Publikum? Natürlich kann sich jeder selbst irgend einen Zusammenhang zwischen einem Streichelzoo und einem passiven Teenage-Mädchen zusammenspinnen, aber das ist hier nicht der Punkt. Hier hat die Regisseurin die Entscheidung getroffen, ihre eigenen Zuschauer vorzuführen. Ich kann nur mit dem Kopf schütteln.

MOT NATUREN

So sah ich den Film

Martin führt ein schönes Leben. Er ist verheiratet, hat einen Sohn, ein Haus und ein Job. Er kann sich glücklich schätzen, doch er ist es nicht. Unter seiner Oberfläche brodelt es. Es läuft zu lange so gut. Es ist alles geschafft, die Eintönigkeit des Alltags hat den Kampfgeist, etwas erreichen zu wollen, getötet. Martin will sich wieder spüren, er will Veränderung, Herausforderung, den Nervenkitzel des Neuen erleben. Der Mann packt seinen Rucksack und verabschiedet sich von seiner Familie für das Wochenende. Er läuft los in die wunderschöne Natur Norwegens und lässt uns dabei an seinen Gedanken teilhaben. Er denkt an seine Arbeitskollegen, die nicht glauben wollten, dass er ein Wochenende alleine in der Natur verbringen möchte. Er denkt an seine Ehefrau und ob er sich scheiden lassen soll, weil alles so festgefahren ist. Er steigert sich in seine Gedanken immer weiter hinein, bis er am Höhepunkt seiner Reise einen Fehler begeht. Dieser Fehler wird sein Leben verändern. Das weiß er schon, als er sich auf den Weg zurück macht.

Mein Fazit

Dieser Film ist stark. Er trifft genau meinen Nerv. Ich kann mich absolut in seine Lage hineinversetzen und verstehe, warum er sich so sehr nach Veränderung sehnt. Dabei schafft es der Regisseur, der übrigens auch die Hauptrolle spielt, immer wieder an passender Stelle kleine Gags einzubauen, denn auf seinem Weg geht so manches Schief, weshalb er nicht nur einmal mit nacktem Arsch im Walde steht. Dadurch wirkt der Film nicht schwer und melancholisch, sondern hält die Stimmung insgesamt in einer angenehmen, unterhaltsamen Waage. Hier finden sich Große Gedanken, schöne Gags, tolle Naturaufnahmen und ein überraschender Wendepunkt zusammen und bilden den für mich bisher besten Film dieses Festivals. Dieses tolle Werk ist mein Schatz der Berlinale 2015!

THE YES-MAN ARE REVOLTING

Standing Ovations

Standing Ovations

So sah ich den Film

Der Saal vom Kino International füllt sich bis zum Rand. Ich spüre, wie sich die Zuschauer auf den Film freuen. Ein Mann betritt die Fläche vor der Leinwand. Er freut sich, dass so viele Interessenten gekommen sind und hofft, dass die Filmemacher nach der Vorstellung Lust auf ein Q & A haben. Versprechen kann er es nicht, weil die Kollegen sehr spontan und stets für eine Überraschung gut sind. Diese Ankündigung verrät eine Menge, auch über den Dokumentarfilm: The Yes-Man ist eine Gruppe von Aktivisten, die den Mächtigen mit ihren eigenen Waffen begegnen wollen. Mit ihren Aktionen schaffen sie Aufmerksamkeit für offensichtliche Fehlentscheidungen von Politik und Wirtschaft. Dabei gehen sie äußerst Unterhaltsam vor. Die Doku bebildert dabei nicht nur einige ihrer Aktionen, sondern zeigt auch die Menschen dahinter. Für sie ist es nicht immer leicht ihren normalen Job, ihre Familie und ihre Berufung als Aktivist unter einen Hut zu bekommen. Besonders blieb mir die Aktion im Gedächtnis, als sie sich am Rande der großen Klimakonferenz von Kopenhagen 2009 als Vertretung Kanadas ausgeben, eine fake Pressekonferenz aufzeichnen und Artikel im Netz verbreiten mit dieser Aussage: Kanada  entschuldigt sich dafür, mit ihrer Ölsand-Industrie tausende Tonnen CO2 in die Atmosphäre zu blasen. Deshalb sei Kanada bereit mehrere Milliarden Dollar an Länder wie Uganda zu zahlen, weil diese nun unter harten Klimaveränderungen zu leiden haben. Kanada musste daraufhin eine offizielle Meldung abgeben, dass sie sich nicht Entschuldigen und auch keine Entschädigungen zahlen werden. Dadurch steht das Land negativ da und die Presse wird auf die Missstände aufmerksam. In einer weiteren Aktion mischten sie sich unter die Aktivisten von Occupy Wallstreet. Gekleidet in hochwertigen Anzügen zogen sie laut protestierend um die Börse. Eine Menge Polizei wurde auf sie aufmerksam und verfolgte die Gruppe. Man merkt im Film, wie hoch die Anspannung gewesen sein muss. Jeden Moment hätte die Polizei die Aktion auflösen können. Plötzlich ziehen die Yes-Man Schilder hervor mit den Worten „Brokers and Police for the Occupation“. So bekommt die Szenerie eine wunderbare Wendung; als hätte die Polizei auf einmal die Front gewechselt. Schnell geraten die Polizisten ins Visier der Fotografen. Vielen Journalisten war nicht klar, dass es sich hierbei um eine Aktion der Yes-Man handelte. Die entstandenen Berichte und Fotos haben sicherlich den einen oder anderen Bänker und Polizisten zum umdenken angeregt. Schließlich haben sich ja bereits einige vermeintliche „Kollegen“ auf die andere Seite geschlagen. Popcorn vom Feinsten. Nach der Vorstellung gab es Standing Ovation Applaus von den Zuschauern, als die Aktivisten die Bühne betraten – was für eine tolle Wirkung.

mein Fazit

Diese Dokumentation unterhält sehr gut. Sie verwebt wunderbar die lustigen Aktion mit den privaten Problemen und Anstrengungen der Aktivisten. Dadurch wird man immer wieder auf den Boden der Tatsachen heruntergezogen. Das Leben als Aktivist ist kein Zuckerschlecken. Leider kommt mir persönlich etwas zu kurz, welche Auswirkungen die Aktionen im Detail haben. Es wird zwar erwähnt, welche Reaktionen von den Betroffenen zurückkamen, aber filmisch reicht mir die bloße Erwähnung nicht. So bleibt das Gefühl zurück, dass die Aktion zwar für Aufmerksamkeit sorgen, sich aber letzten Endes doch kaum etwas bewegt. Soll das das Ziel dieses Filmes sein? Wenn ihr mehr über den Film erfahren wollt, empfehle ich euch diesen Beitrag von DEUTSCHLANDRADIO-KULTUR.

 


 

Berlinale (6) – der Traum vom Fliegen und der goldene Bär

Heiko vorm Zoopalast Wo ich auch hinkomme, überall ist bereits oder wird gerade abgebaut. Es ist Sonntag, der letzte Tag dieser 65. Berlinale. Mit einem wehmütigen Gefühl im Baum mache ich mich ein letztes Mal auf zu Vorführungen dieser Festspiele. Ich möchte sehen, wie ein Mädchen ihren Weg findet und gebe der Berlinale-Shorts noch einmal eine Chance.

SANGAILÉ

Offizielle Beschreibung

Tanzende Loopings und Pirouetten von Kunstfliegern elektrisieren die 17-jährige Sangailė. Aber sie hat Höhenangst und könnte sich nie in ein Cockpit setzen. Schweigsam und verschlossen verbringt sie den Sommer auf dem Land in der Ferienvilla ihrer Eltern und besucht so oft wie möglich die nahe gelegenen Flugshows. Dort begegnet sie Auste, die mit beeindruckender Selbstbestimmung und Phantasie ihren Alltag gestaltet. Austes offensive Unbefangenheit fasziniert Sangailė. Gemeinsam probieren die beiden Mädchen alles aus, was das Landleben zu bieten hat. Schnell kommen sie sich dabei näher. Als Sangailė Auste schließlich ihr intimstes Geheimnis entdecken lässt, empfindet sie eine ungewohnte Geborgenheit, aus der sie den Mut schöpft, ein erstes Mal zu fliegen. In schwerelosen, lichtdurchfluteten Kinobildern fügt Alanté Kavaïté die isolierten Gefühlswelten zweier gegensätzlicher Mädchen zum Universum einer jungen Liebe. Einfühlsam und mit sinnlicher Intensität erzählt sie von tiefer Nähe, leidenschaftlicher Hingabe und labilen Kollisionen, von Verletztheit und Selbstvertrauen.

Link zur Berlinale-Seite

So sah ich den Film

Das gleichnamige Mädchen verbringt Ihren Sommer mit ihren Eltern in einem Haus Nahe eines Flugplatzes. Regelmäßig schaut sie den einmotorischen Flugzeugen zu und träumt. Dabei lernt sie Auste kennen. Sie haben eine schöne Zeit zusammen, kommen sich näher. Aus Freundschaft wird Liebe. Ganz nebenbei wird klar, dass Sagile nicht nur nicht weiß, was sie nach Abschluss der Schule machen soll, sondern hat auch noch Höhenangst. Diese geht sie in der zweiten Hälfte des Filmes an.

Mein Fazit

Diese niedliche, unaufgeregte Geschichte wird in schönen Bilder erzählt, die fast wie gemalt wirken. Die Handlung starten wunderbar, verliert sich aber irgendwann in einer verträumten Zweisamkeit zwischen den beiden Mädchen. Darüber kann die viele nackte Haut nicht hinwegtäuschen. Leider viel zu spät wird mit der Flugangst ein neuer Handlugsstrang aufgemacht, der dann wiederum in der Geschwindigkeit eines Kurzfilmes abgehandelt wird. Hätte die Regisseurin beides mehr miteinander verwoben, wäre in der Mitte nicht so ein Loch entstanden.

Meine letzte Berlinale-Vorführung führte mich zurück zu den Kurzfilmen. Im Cinemaxx zeigten sie die diesjährigen Gewinnerfilme. Da ich „Dissonanz“ und „Planet ∑“ schon vorgestellt habe, beschränke ich mich auf die 3 übrigen.
BERLINALE SHORTS - GEWINNERFILME

San Cristóbal

Die beiden jungen Fischer Lucas und Antonio lieben sich. Sie gehen so wunderbar zärtlich miteinander um, wie man es selten im Film zwischen Männern sieht. Eines Tages wird Lucas zusammengeschlagen. Daraufhin kann er nicht mehr so weitermachen. Verzweiflung macht sich breit. In dieser Zeit vieler offener Fragen muss Antonio für seine Arbeit in ein anders Land reisen. Es bedeutet das Ende für die Beiden. Mit der Gewalt gegenüber Lucas nimmt der Kurzfilm an fahrt auf. Würde die Entscheidung von Antonio, seine Liebe zu verlassen, darauf basieren, würde alles einen Sinn ergeben. Leider wirkt es aber so, als wollte Antonio die Reise sowieso antreten und die Geweilt ist nur ein weiterer Grund zu gehen. Dadurch wirkt der Film auf mich irgendwie zusammenhangslos. Die Jury sah das anders und verlieh dem Werk den Teddy Award.

Hosanna

In einem kleinen Ort lebt ein Junge, der heilende Fähigkeiten hat. Er kann Wunden heilen und die Menschen von den Toten zurückholen. Das tut er auch reichlich und ungefragt, doch die Menschen danken es ihn nicht. Im Gegenteil. Sie gehen mit ihrem Leben scheinbar noch schlechter um. Dieser Film erhielt den goldenen Bären für den besten Kurzfilm. Als besten Kurzfilm würde ich persönlich ihn nicht küren. Die bedrückende Stimmung wirkt großartig und damit schafft der Film mehr, als viele andere; doch die Handlung ist flacher als ein Teller.

Bad at dancing

Joanna ist die wohl schrecklichste Mitbewohnerin, die man sich vorstellen kann. Sie ist deprimiert und kreist im Kopf nur um sich selbst. Sie geht sogar so weit, dass sie ihre Freundin beim Sex mit ihrem Partner stört und sich aufdrängt, indem sie sich während des Aktes einfach mit auf’s Bett setzt. Mehr passiert im Grunde auch nicht: Keine Handlung, keine Charakterwandlung, keine Moral oder Fazit am Ende. Unfassbar, wie dieser Film den silbernen Bären bekommen konnte.

Damit geht auch meine Berlinale Zeit für dieses Jahr zu Ende. Wie hat euch meine Berichterstattung und Kritik gefallen? Wollt ihr mehr in diese Richtung lesen? Ich freue mich auf eure Meinung.  

 

Gefällt dir dieser Artikel, dann teile ihn
Share on Facebook0Tweet about this on TwitterShare on Google+0Share on Reddit0Pin on Pinterest0Email this to someone

Tagged under:

1 Comment

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.