Zu viel Selbstbewusstsein trotz schlechter Filme in Deutschland

Am Vorabend der Berlinale organisierte gestern der Verband der deutschen Filmkritik eine Podiumsdiskussion mit dem sehr gelungenen Thema „Kino machen andere – Warum der deutsche Film nur unter sich feiert“. Ich hatte glücklicherweise die Chance, als einer der Letzten noch in den vollen Saal reinzukommen. So groß war das Interesse – besonders bei jüngeren Filmschaffenden. Hier kommt meine Zusammenfassung für euch.

Wenig Greifbares von den internationalen Stimmen

Den Auftakt dieser Veranstaltung machten folgende internationale Vertreter:

Charles Tesson – Filmhistoriker, Filmkritiker und früherer Chefredakteur der Cahiers du Cinéma.

Richard Brody – schreibt seit 1999 für den New Yorker. Seit 2005 ist er Redakteur des Filmteils. Er schreibt Kritiken, eine DVD Kolumne und einen Blog.

Sergio Fant – kuratierte Filmprogramme für diverse italienische Festivals. Er ist derzeit Mitglied in der Auswahlkommission für das Festival del film Locarno.

Es war klar, dass dieses schwierige Thema nicht leicht zu beantworten ist; auch nicht für diese 3 Außenstehenden.

Es wäre trotzdem großartig gewesen, wenn sie uns hätten sagen können, warum sie die derzeit eigereichten Filme aus Deutschland nicht ins Festival-Programm nehmen oder in den Zeitungen besprechen. Doch die Aussagen blieben leider zu wage, um sie hier überhaupt wiedergeben zu können.

Einzig der Vertreter von Filmfestival in Locarno merkte letzten Endes ein paar greifbare Punkte an: Für ihn ist der Einfluss des Fernsehens stark zu erkennen. Locarno ist für ihn ein Festival für Innovationen und das lässt sich vielleicht in Deutschland mit dem Fernsehen nicht vereinen.

Daneben findet er dann sehr minimalistische Kunstfilme aus Deutschland, die so stark reduziert sind, dass sie jeglichen Mehrwert für den Zuschauer vermissen lassen.

Ein weiterer, interessanter Punkt war für mich die Aussage, dass die Programmmacher die Länder immer auch durch deren Filme sehen und entsprechend geprägt werden. Das weckt Erwartungen. Filme aus einer Region treten also immer auch gegen vergangene Filme aus der gleichen Region an und müssen da hervorstechen können.

Zu viel Selbstbewusstsein im System

Nach der Pause nahmen dann deutsche Vertreter auf den Stühlen Platz:

Lars Henrik Gass – seit 1997 Leiter der internationalen Kurzfilmtage Oberhausen.

Bettina Reitz – derzeit Präsidentin der Münchener Hochschule für Fernsehen und Film. War vorher als Fernsehdirektorin beim BR tätig, sowie als Redakteurin beim ZDF und HR.

Katrin Schlösser – Professorin an der Kunsthochschule für Medien in Köln. Sie produzierte und koproduzierte vorher über 70 Spiel- und Dokumentarfilme.

Brigitta Wagner – amerikanische Filmhistorikerin, Filmemacherin und Dozentin.

In dieser Runde ging es dank Lars Henrik Gass mehr zur Sache. Er sieht, dass in Deutschland seit 65 Jahren praktisch ein Stillstand im System herrscht. Er bezeichnete die Hochschule für Fernsehen und Film als Mausoleum und mahnte eine Überbewertung des Handwerks gegenüber des Stoffes an. Toll! Ich hätte mir mehr Redezeit für ihn gewünscht.

Zusammenfassend hörte ich in der Runde immer wieder die Kritik heraus, dass in unserem Filmland die Geldgeber, also die Förderer, die Sender und die Verleiher, ein zu großes Selbstbewusstsein entwickelt haben. Darunter leiden die Künstler und deren Werke, da sich anscheinend heute jeder als Autor sieht und die Arbeit eben nicht den Experten überlässt.

Doch auch die Künstler selbst bekamen ihr Fett weg: Anscheinend denken bereits die Bewerber an den Filmhochschulen schon viel zu sehr an die Fernsehtauglichkeit und fordern für ihre Abschlussfilme horrende Summen, statt wie andere Einsteiger in die Branche einfach die Kamera in die Hand zu nehmen, um mit dem, was da ist, etwas zu erschaffen. Die Lernkurve setzt der Nachwuchs wohl selbstbewusst sehr steil an – zu sehr.

Doch auch die Filmstudenten sind nur ein Teil dieses umfassenden Problems. Einen weiteren Baustein dieser Spirale des schlechten Filmes tragen die Filmkritiker bei. Es kam zur Sprache, dass allgemein in Deutschland viel zu wenig über die hiesigen Produktionen berichtet wird. Alle stürzen sich viel zu sehr auf die amerikanischen Filme. So bekommen selbst die wenigen wirklich guten Filme aus Deutschland kein Gehör, obwohl gerade diese unbedingt die Aufmerksamkeit brauchen, damit sich etwas im System verändern kann.

Gerade als die Debatte emotional und hitzig wurde, war sie auch schon vorbei. Schade. So bleibt für mich ein Gefühl zurück, dass besonders die Frauen vertraten: Unser System ist einfach zu komplex, um schnell verändert werden zu können.

Meiner Meinung nach kann bei so komplexen Systemen aber die Revolution nicht von innen stattfinden. Dazu sind die Positionen aller Beteiligten zu starr. Sie muss von außen passieren und genau das geschieht gerade. Die Zuschauer schalten ab bzw. gehen nicht mehr ins Kino. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sich die Nicht-mehr-Zuschauer nach der Sinnhaftigkeit einer Förderung von Filmen fragen, die keiner schaut.

Wie denkt ihr darüber? Was muss sich konkret ändern, damit wir mehr Produktionen erleben dürfen, auf die wir stolz sein können? Schreibt mir gern einen Kommentar dazu. Insgesamt war es eine gelungene Veranstaltung, die zum Nachdenken anregt. Danke für die Organisation. 

Weiterführende Links und Quellen

Das Event auf der Homepage des Verbandes der deutschen Filmkritik

 

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