Berlinale (5) – ein Streichelzoo, ein nackter Norweger und politische Aktivisten

Das tolle an einem Festival wie der Berlinale ist ja die Möglichkeit, Filme zu schauen, die man sonst nie zu sehen bekommt. Darunter befinden sich manchmal unglaubliche Perlen. Wenn ich einen solchen Film entdecke, fühlt es sich für mich ein bisschen so an, als hätte ich einen kleinen Schatz gefunden. Das ist auch dieses Mal wieder passiert.

Petting Zoo

Die 17-jährige Layla steht kurz vor ihrem High-School-Abschluss, als ein Brief ins Haus flattert – die Zusage für ein Stipendium. Das Leben kann so wundervoll sein; doch dann folgt der Schock für Layla: sie ist schwanger von ihrem Kiffer-Freund. Ihre Eltern verbieten ihr die Abtreibung; das Stipendium muss sie ablehnen; mit dem Freund ist Schluss. So dreht sich das Schicksals-Karussell für Layla weiter. Doch das Mädchen ist hart im Nehmen. Irgendwie schlängelt sie sich trotzdem durch und finden ihren Weg.

mein Fazit

Petting Zoo ist ein Teenage-Film der anderen Art. Er ist langsam, leise und unaufgeregt erzählt. Damit bildet er sicherlich viel realistischer das Leben einer Jugendlichen in Texas ab. Dafür bleibt für mich als Zuschauer der Film nur im Mittelmaß hängen. All die Probleme, die im Mittelteil des Filmes auftauchen, bringen die Heldin nicht aus dem Konzept. Sie sind höchstens kleine Steinchen auf ihrem Weg. Die junge Frau musste an keiner Stelle etwas lernen, sich weiterentwickeln oder etwas riskieren. Den ganzen Film über reagiert sie nur auf alles, was auf sie einströmt. Das krönt sich dann mit dem zweiten Schicksalsschlag gegen Ende des Filmes, den sie ebenfalls nicht aktiv herbeiführt.

Zumindest beim 2. Plotpoint hätte Layla aktiv werden müssen. Sie hätte z.B. ihr Kind heimlich abtreiben können, oder irgend etwas anderes tun können, sodass ihr Körper das Kind abstößt. Dann wäre sie aktiv geworden und ich hätte als Zuschauer eine Wandlung von ihr erlebt, die so nun ausbleibt.

Eines liegt mir noch auf dem Herzen: Zum Q & A nach der Vorführung frage ein Mann die Regisseurin, warum sie „Streichelzoo“ als Titel für den Film auswählte. Die Regisseurin gab ehrlich zu, dass der Titel nichts mit dem Film zutun habe. Statt dessen erzählte sie eine Geschichte über einen Streichelzoo, an den sie während der Dreharbeiten denken musste. Ich kann hier nur mit dem Kopf schütteln. Wie kann man seinem Film einen Titel geben, der nichts mit dem Inhalt zutun hat? Was ist das bitte für ein Verrat am Publikum? Natürlich kann sich jeder selbst irgend einen Zusammenhang zwischen einem Streichelzoo und einem passiven Teenage-Mädchen zusammenspinnen, aber das ist hier nicht der Punkt. Hier hat die Regisseurin die Entscheidung getroffen, ihre eigenen Zuschauer vorzuführen. Ich kann nur mit dem Kopf schütteln.


 

Mot Naturen

Martin führt ein schönes Leben. Er ist verheiratet, hat einen Sohn, ein Haus und ein Job. Er kann sich glücklich schätzen, doch er ist es nicht. Unter seiner Oberfläche brodelt es. Es läuft zu lange so gut. Es ist alles geschafft, die Eintönigkeit des Alltags hat den Kampfgeist, etwas erreichen zu wollen, getötet. Martin will sich wieder spüren, er will Veränderung, Herausforderung, den Nervenkitzel des Neuen erleben. Der Mann packt seinen Rucksack und verabschiedet sich von seiner Familie für das Wochenende.

Er läuft los in die wunderschöne Natur Norwegens und lässt uns dabei an seinen Gedanken teilhaben. Er denkt an seine Arbeitskollegen, die nicht glauben wollten, dass er ein Wochenende alleine in der Natur verbringen möchte. Er denkt an seine Ehefrau und ob er sich scheiden lassen soll, weil alles so festgefahren ist. Er steigert sich in seine Gedanken immer weiter hinein, bis er am Höhepunkt seiner Reise einen Fehler begeht. Dieser Fehler wird sein Leben verändern. Das weiß er schon, als er sich auf den Weg zurück macht.

Mein Fazit

Dieser Film ist stark. Er trifft genau meinen Nerv. Ich kann mich absolut in seine Lage hineinversetzen und verstehe, warum er sich so sehr nach Veränderung sehnt. Dabei schafft es der Regisseur, der übrigens auch die Hauptrolle spielt, immer wieder an passender Stelle kleine Gags einzubauen, denn auf seinem Weg geht so manches Schief, weshalb er nicht nur einmal mit nacktem Arsch im Walde steht. Dadurch wirkt der Film nicht schwer und melancholisch, sondern hält die Stimmung insgesamt in einer angenehmen, unterhaltsamen Waage. Hier finden sich Große Gedanken, schöne Gags, tolle Naturaufnahmen und ein überraschender Wendepunkt zusammen und bilden den für mich bisher besten Film dieses Festivals. Dieses tolle Werk ist mein Schatz der Berlinale 2015!


 

The Yes-Man are revolting

Der Saal vom Kino International füllt sich bis zum Rand. Ich spüre, wie sich die Zuschauer auf den Film freuen. Ein Mann betritt die Fläche vor der Leinwand. Er freut sich, dass so viele Interessenten gekommen sind und hofft, dass die Filmemacher nach der Vorstellung Lust auf ein Q & A haben. Versprechen kann er es nicht, weil die Kollegen sehr spontan und stets für eine Überraschung gut sind. Diese Ankündigung verrät eine Menge, auch über den Dokumentarfilm:

The Yes-Man ist eine Gruppe von Aktivisten, die den Mächtigen mit ihren eigenen Waffen begegnen wollen. Mit ihren Aktionen schaffen sie Aufmerksamkeit für offensichtliche Fehlentscheidungen von Politik und Wirtschaft. Dabei gehen sie äußerst Unterhaltsam vor. Die Doku bebildert dabei nicht nur einige ihrer Aktionen, sondern zeigt auch die Menschen dahinter. Für sie ist es nicht immer leicht ihren normalen Job, ihre Familie und ihre Berufung als Aktivist unter einen Hut zu bekommen.

Besonders blieb mir die Aktion im Gedächtnis, als sie sich am Rande der großen Klimakonferenz von Kopenhagen 2009 als Vertretung Kanadas ausgeben, eine fake Pressekonferenz aufzeichnen und Artikel im Netz verbreiten mit dieser Aussage: Kanada  entschuldigt sich dafür, mit ihrer Ölsand-Industrie tausende Tonnen CO2 in die Atmosphäre zu blasen. Deshalb sei Kanada bereit mehrere Milliarden Dollar an Länder wie Uganda zu zahlen, weil diese nun unter harten Klimaveränderungen zu leiden haben. Kanada musste daraufhin eine offizielle Meldung abgeben, dass sie sich nicht Entschuldigen und auch keine Entschädigungen zahlen werden. Dadurch steht das Land negativ da und die Presse wird auf die Missstände aufmerksam.

In einer weiteren Aktion mischten sie sich unter die Aktivisten von Occupy Wallstreet. Gekleidet in hochwertigen Anzügen zogen sie laut protestierend um die Börse. Eine Menge Polizei wurde auf sie aufmerksam und verfolgte die Gruppe. Man merkt im Film, wie hoch die Anspannung gewesen sein muss. Jeden Moment hätte die Polizei die Aktion auflösen können. Plötzlich ziehen die Yes-Man Schilder hervor mit den Worten „Brokers and Police for the Occupation“. So bekommt die Szenerie eine wunderbare Wendung; als hätte die Polizei auf einmal die Front gewechselt. Schnell geraten die Polizisten ins Visier der Fotografen. Vielen Journalisten war nicht klar, dass es sich hierbei um eine Aktion der Yes-Man handelte. Die entstandenen Berichte und Fotos haben sicherlich den einen oder anderen Bänker und Polizisten zum umdenken angeregt. Schließlich haben sich ja bereits einige vermeintliche „Kollegen“ auf die andere Seite geschlagen. Popcorn vom Feinsten.

Nach der Vorstellung gab es Standing Ovation Applaus von den Zuschauern, als die Aktivisten die Bühne betraten – was für eine tolle Wirkung.

mein Fazit:

Standing Ovations

Standing Ovations

Diese Dokumentation unterhält sehr gut. Sie verwebt wunderbar die lustigen Aktion mit den privaten Problemen und Anstrengungen der Aktivisten. Dadurch wird man immer wieder auf den Boden der Tatsachen heruntergezogen. Das Leben als Aktivist ist kein Zuckerschlecken. Leider kommt mir persönlich etwas zu kurz, welche Auswirkungen die Aktionen im Detail haben. Es wird zwar erwähnt, welche Reaktionen von den Betroffenen zurückkamen, aber filmisch reicht mir die bloße Erwähnung nicht. So bleibt das Gefühl zurück, dass die Aktion zwar für Aufmerksamkeit sorgen, sich aber letzten Endes doch kaum etwas bewegt. Soll das das Ziel dieses Filmes sein?

Wenn ihr mehr über den Film erfahren wollt, empfehle ich euch diesen Beitrag von DEUTSCHLANDRADIO-KULTUR.

 

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