Berlinale (4) – die Festivalphase und Kurzfilme ohne Handlung

Für mich standen gestern zwei ganz besondere Punkte auf meinem Programmplan: Das Panel „Short Cuts“ mit Tipps für Kurzfilme und die Vorführung von 5 Kurzfilmen aus der „Berlinale Shorts“-Reihe. Hier kommt meine Zusammenfassung für euch:

 

Short Cuts | with Sabine Brantus, Laurent Crouzeix, Jukka-Pekka Laakso, Jan Naszewski

Ich renne von der U-Bahn U1 zum HAU2, dem Veranstaltungsort dieses Events, auf das ich mich schon seit Tagen freue. Ordentlich außer Atem stolpere ich in den Vorraum zum Saal, in dem sich eine Menge wartende Interessierte mit den Hufen scharren. Noch bevor sich mein Puls erholen kann, beginnt der Einlass zum Saal. Zuschauer, die glaubten der Sitzplatz neben ihnen würde sich super als Ablageplatz für die Jacke eignen, werden schnell eines besseren belehrt. Es wird voll.

In der Mitte dieses Studio-ähnlichen Raumes sitzen Sabine Brantus (ARTE), Laurent Crouzeix (Kurzfilmfestival Clermont), Jukka-Pekka Laakso (Tampere Film Festival) und Jan Naszewski (CEO New Europe Filmsales). Sie sprechen über die Auswertungsmöglichkeiten von Kurzfilmen mit dem Hauptschwerpunkt auf Festivals, denn die bilden den wichtigsten Abschnitt im Leben eines Kurzfilmes. Sabine Brantus von ARTE erklärt schon zu beginn, dass sie bei ARTE nur wenig Fläche für Kurzfilme überhaupt zur Verfügung hat. Auf die Chance, da rein zu kommen, sollte man besser nicht setzen. Auch Jan Naszewski von New Europe Filmsales macht deutlich, dass man Kurzfilme niemals machen sollte, um Geld zu verdienen. Dieses Glück wird den wenigsten zu Teil. Doch auch diese Info überrascht nicht. Als wichtigste Plattform bleiben die Festivals. Deshalb drehte sich dann auch der größte Teil dieses Panels um eben diese.

Es wurde auch über den Trend geredet, dass sich Kurzfilme immer mehr von den gelehrten, narrativen Strukturen entfernen. Auf der Bühne war man sich einig, dass dieser Trend keine gute Entwicklung darstellt und von allen Seiten mehr Narration gewünscht wird. Ich musste schmunzeln, da ich mir genau das jedes Jahr bei den Berlinale Shorts wünsche, aber dazu später mehr.

Im Anschluss gab es dieses Mal kein übliches Q&A. Dafür wurden eine Menge Papphocker hervorgezaubert und man konnte sich zu einem der Gäste hinzu setzen, ihnen persönlich Fragen stellen und zuhören.

Mein Fazit

Ich drücke zu beginn etwas die Daumen, dass dieses Mal bitte mehr tolle Infos für mich herum kommen, als bei den üblichen Berlinale-Events. Meine Erwartungen werden voll erfüllt. Ich fasse für euch mal ein paar der für mich wichtigsten Infos zusammen:

 Es ist komplett egal, in welcher Sprache man den Film dreht.

 Man sollte möglichst auch zu den Festivals reisen, auf denen sein Film gezeigt wird. So erlebt man das Feedback der Zuschauer hautnah, man trifft Interessenten und lernt Kollegen diverser Gewerke kennen.

 Dein Film sollte so kurz sein, wie es nur irgendwie geht. Je länger er ist, desto schlechter stehen seine Chancen, überhaupt irgendwo gezeigt zu werden. Festivalbetreiber wollen möglichst viele Filme vorführen. Dein Projekt muss dann mindestens so gut sein, wie 3 kürzere Filmchen, damit es sich lohnt deinen längeren Streifen auszustrahlen.

 Alle auf der Bühne haben einige Themen schon zum erbrechen oft gesehen. Sei es Selbstmord, Leben auf der Straße oder Ähnliches. Sie wollen überrascht werden. Suche dir lieber ein Thema für deinen Film aus, dass noch nicht so ausgelutscht ist. Dann erhöht sich die Chance, dass jemand genau deine Geschichte sehen will.

 Gib dein Drehbuch vor dem Dreh möglichst vielen Menschen zum Lesen und hole dir Feedback. Das wird dich vor Fehlern bewahren, die du später nicht mehr ausbügeln kannst.

 Es macht durchaus Sinn, eine gewisse Zeit auf die Zusage von A-Festivals für deinen Film zu warten. Lass aber nicht zu viel Zeit verstreichen, denn sonst sind auch die kleineren Festivals dicht und am Ende hat kaum jemand deinen Film in der wichtigen Festivalphase gesehen.


 

Berlinale Shorts 2

Wunderbar beflügelt von dem vielen Input des vorherigen Panels reise ich zum Kino Colosseum und reihe mich in die große, wartende Menge vor dem Kinosaal ein. Offensichtlich ist das Interesse an Kurzfilmen enorm. Ich frage mich, warum die Fernsehsender auf diesem Auge nur so blind sind – in einer Zeit, in der nichts kurz genug sein kann?

Aus Erfahrung der letzten Jahre weiß ich, dass ich im Schnitt mit der Hälfte aller Kurzfilme auf der Berlinale unzufrieden sein werde. Trotzdem gebe ich dem Festival jedes Jahr auf’s Neue die Chance, mich eines besseren zu belehren und mir tolle Werke zu zeigen, für die sich wenigstens ein Teil der 11,50€ Eintritt gelohnt haben. Zum Teil hat es sich gelohnt, aber eben auch nur zum Teil.

PLANET Σ

In 12 Min. Länge sehe ich, wie in Eis eingefrohrene Insekten auftauen, zum Leben erwecken, über Pilze fliegen und sterben. Das Ganze wurde mit Hilfe von Zeitraffer und Makro-Aufnahmen realisiert.

Die Handlung dieses Werkes trifft nicht meinen Nerv. Lediglich die Makroaufnahmen sehen ganz interessant aus; daran sehe ich mich allerdings schnell satt. Der unangenehme Soundtrack tut sein übriges dazu.

Pebbles at Your Door

Um die Familienehre nicht weiter zu beschmutzen muss die Mutter und die kleine Schwester der Protagonistin aus Nordkorea fliehen. Das Leben der Helden ist von nun an von dem Wunsch geprägt, sie wiederzusehen. Dieses Geheimnis bringt die Frau zum Zenit ihres Lebens dazu, ihr nordkoreanisches Vorzeigeleben aufzugeben und ihre Mutter und Schwester zu suchen.

Während die Stimme der Protagonistin über ihr Leben erzählt, bekommt man Bildkollagen zu sehen – teilweise aus Propagandamaterial, Gefilmtes, oder Gezeichnetes zusammengesetzt. Die Stimmung ist sehr dicht, während die Bilder schön sanft ineinander übergehen. Diese 18 Min. Film vergehen wie im Flug, weil sie mich fesseln. Ich will wissen, ob sie ihre Mutter und Schwester je wiedersehen wird. Toll! So muss ein Kurzfilm sein.

Dissonance

Ein alter Mann darf sich seiner Exfrau und seiner Tochter nicht weiter als bis auf 100m nähern. Er musiziert nun vor deren Haus mit einem alten Leierkasten und träumt sich in eine skurrile Welt hinein. Sein Wunsch: die Tochter würde zu ihm kommen, ihm zuhören und vielleicht sogar das Klavier spielen lernen. Er bekommt seine Chance.

Dieser 17 Min.-Film verschmilzt die skurrile Fantasiewelt des alten Mannes mit der Realität. Diese wirkt zudem sehr schön labyrinthartig animiert. Der Klaviersoundtrack ist einfach wunderschön und hinterlässt Spuren im Herzen. Es könnte ein klasse Kurzfilm sein, hätte sich der Autor nur mehr Mühe mit der Handlung gegeben. Diese ist leider sehr flach geraten und verwirrt. Das Kuscheltier lenkt beispielsweise nur ab; Dass er Sehnsucht nach seiner Tochter hat, begreife ich auch ohne. Schade.

Of Stains, Scrap & Tires

Ein Mann fährt durch die Straßen und telefoniert dabei. Ich erfahre, dass er Autos kaufen will. An einem Parkplatz angekommen, untersucht er ein parkendes Auto. In seiner Werkstatt repariert er mit Kollegen alte Autos, füllt sie mit Ersatzteilen auf und macht sie fertig für den Abtransport nach Afrika.

Preisfrage: Wieviele Minuten unterhält euch die eben beschriebene Handlung? Ich meine, man trifft ja nicht jeden Tag auf solche Autohändler. Ich schätze mal, so 6 bis 8 Minuten würden reichen, dem Zuschauer alles Wichtige zu erzählen. Hätte der Regisseur den Mut gehabt, diesen Film auf eine solche Länge zu kürzen, sein Film hätte mir durchaus gefallen. Leider ist dieses Projekt sage und schreibe 19min lang. Neben mir fingen schon Zuschauer an zu gähnen.

Take What You Can Carry

Lilly, Mitte 20, kommt spät nach Hause. Lilly frühstückt. Lilly hat Schauspieltraining. Lilly nimmt Wäsche ab. Lilly passt auf ein Kind auf. Lilly steht im Park rum.

Das ist die „Handlung“ von „Take what you can carry“. Besser wäre wohl der Titel „Ein langweiliger Ausschnitt aus einem langweiligen Leben“ gewesen, denn dieser Film war 30 Minuten verschwendete Lebenszeit. Es ist eigentlich nicht mein Ding, schlecht über Werke anderer zu reden, aber an diesem Film gibt es leider nichts Positives zu entdecken. Ich muss an den Wunsch der Festivalbetreiber aus dem Panel zuvor nach mehr narrativem Inhalt denken.

Wie ist eure Erfahrung mit den Kurzfilmen auf der Berlinale? Gehe ich zu hart mit den Werken ins Gericht, oder sehr ihr das ähnlich?

Weitere Artikel zur Berlinale:

Berlinale (1) – aller Anfang ist schwer

Berlinale (2) – von Co-Produktionen, Jugendliebe und einer Vergewaltigung

Berlinale (3) – zwei Brüder, ein großer Autor und spielende Kinder

Berlinale (5) – ein Streichelzoo, ein nackter Norweger und politische Aktivisten

 

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