Berlinale (2) – von Co-Produktionen, Jugendliebe und einer Vergewaltigung

Am Sonntag gab es gleich 3 Programmpunkte für mich. Heute erzähle ich euch von internationalen Co-Produktionen, von Jugendliebe auf russisch und der Überlegung, wie eine Dorfgemeinschaft mit einer Vergewaltigung umgeht.

Ich mache mich auf den Weg zum Veranstaltungsort „Hebbel am Ufer“ 3 in Kreuzberg. Die Berlinale ist ja sehr bemüht darum, ein Gefühl von Glamour zu versprühen. Hier merkt man nichts davon. Man muss durch einen kleinen Innenhof, eine unscheinbare Treppe hoch und gelangt dann in einen gemütlichen Vorraum, in dem sich jede Menge wartende Gäste tummeln – irgendwie sympathisch.

Close-up Germany

Den Auftakt machte für mich die Podiumsdiskusion „Close-up Germany“. Hier sprachen Frank W. Albers (Robert Bosch Stiftung), Christine Berg (FFA), Veronika Grob (Medienboard BB) und Mariette Rissenbeek (German Films) über die Möglichkeiten, die es in Deutschland gibt, internationale Co-Produktionen zu finanzieren.

zusammengefasst

Es wurde hier schnell klar, dass die Systeme in Deutschland erst anlaufen können, wenn das Geld aus dem Ausland fix ist. Auf Spielchen ala „Wir sind nur bereit Geld dazu zu geben, wenn Förderfont XY auch zahlt“, lassen sich die Fonts nicht ein. Außerdem sollte man sich bewusst machen, dass internationale Co-Produktionen immer teurer und schwieriger zu stämmen sind, als rein nationale. Das Drehbuch muss die Drehs im Ausland also wirklich brauchen, sonst macht man es sich nur unnötig schwer.

Für Regisseure gab es noch den Tipp, wenn sie Produktionspartner im Ausland suchen, sollten sie sich aktuelle Produktionen im Zielland anschauen und sich die Firma nach dem entsprechenden Film aussuchen. Dann ist die Chance höher, dass man auf den gleichen Geschmack trifft.

MIt frischem Input für Ideen auf internationaler Ebene geht es für mich zu meinem ersten Spielfilm dieser Festspiele.


 

14+

Russische Plattenbauten, wohin das Auge reicht. Sie wirken wie menschliche Massentierhaltung. So systematisch, wie die Menschen in ihren Wohnzellen wohnen, sind auch die Schulen verteilt. Sie tragen nicht einmal Namen, nur Nummern. In diesem Wohngebiet wächst Alex auf, ein 14 jähriger Teenager. Er trägt gern Superhelden-T-Shirts und ist im allgemeinen eher still und schüchtern. Ein Mädchen namens Vika hat sein Interesse geweckt. Sie wirkt cool, distanziert und abgeklärt. Außerdem geht sie auf die befeindete Schule. Er kann sie nicht einfach so ansprechen. Das würde Wolfi, ein Schlägertyp mit seinen 4 Lakaien nicht zulassen. Also muss Alex zusammen mit seinen Freunden einen Weg zu Vika finden, ohne Wolfi zu begegnen. Natürlich sind die Eltern alles andere als eine Hilfe dabei.

mein Fazit

Als der Abspann läuft, versinke ich ganz gerührt in meinem Sitz. Dieser russische Film mit deutschem Untertitel ging mir echt an Herz. In vielen Szenen fühlte ich mich an meine Jugend zurückerinnert.  Dieser Film zeigt wunderbar gefühlvoll und sanft, wie Vika und Alex ihr Kindsein abstreifen und reifen. Keiner von beiden möchte etwas falsch machen und machen dabei ganz aus versehen alles richtig. Hach wie schön. Schade nur, dass dieser herzliche Film nie in die deutschen Kinos kommen wird.

Mit diesem wohligen Gefühl im Bauch setze ich mich in den Saal zum nächsten Film. Dieser sollte mir diese schöne Stimmung schnell vermiesen.


 

Flocken

Der Film startet kurz noch der Vergewaltigung von Jennifer, Schülerin einer kleinen, schwedischen Dorfgemeinschaft. Im Verhör mit der Polizei schildert sie unter Tränen die Tat. Fix und fertig kommt sie ins Klassenzimmer zurück. Ihr mutmaßlicher Peiniger wird sofort darauf ins Verhör genommen. Überraschender Weise reagieren alle Mitschüler absolut nicht mitfühlend. Im Gegenteil. Sie beschimpfen sie als Hure und Lügnerin. Während sich mein Bauch verkrampft merke ich, dass ihr Peiniger Alex zu den beliebten Mitschülern zählt. Er steht auf der Sonnenseite, während die schüchterne Jennifer nun noch mehr um ihren Platz in der Klasse kämpfen muss.

Der Film nimm richtig fahrt auf, als Alex vom Gericht für schuldig gesprochen wird. Die Dorfgemeinschaft kann das absolut nicht glauben und fechtet das Urteil an. Der Hass der jungen Mitschülerin gegenüber wird immer stärker, die Abwärtsspirale dreht sich immer heftiger. Ich ertappe mich dabei, wie ich dem schüchternen Mädchen zurufen möchte, dass sie sich endlich wehren soll. Aber die Macht der Erwachsenen ist zu stark. Besonders die Mutter von Alex hetzt die Gemeinschaft auf biis Blut fließt.

mein Fazit

Flocken ist ein sehr bedrückender Film. Er beschäftigt sich mit einem unglaublich wichtigen Thema, dass uns allen etwas angeht. Die Regisseurin lässt spätestens ab der Gerichtsverhandlung keinen Zweifel daran, dass Alex es getan hat. Es ist kein Film über Schuld oder Unschuld, sondern ein Film über soziale Dynamiken und welche dunkle Seite sie haben können.

Leider trübte meine positive Meinung über diesen Film etwas, dass im Anschluss beim Q&A mit der Regisseurin eine Frau im Publikum das Mikro ergriff und sagte: Sie bedanke sich sehr für den Film; er zeige wunderbar, wie scheiße die Gesellschaft und besonders die Männer sind. Die Regisseurin antwortete darauf wunderbar, sie solle sich morgen besser einen freudigen Film anschauen.

Wie hat euch dieser Artikel gefallen? Wollt ihr, dass ich ausführlicher oder knapper über die Filme berichte? Ich freue mich auf eure Meinung.

 

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