Tag 5 – der Berlinale-Alltag sowie Filme über den Krieg weit weg und in uns

Heute berichte ich euch, wie ein üblicher Tag für mich auf dem Festival aussieht:
 
Auf dem Weg zur ersten Vorführung um 10:00 Uhr mache ich mir einen Plan für den nächsten Tag. Meine Stimmung: müde gepaart mit Vorfreude.
Der erste Film ist toll; meine Stimmung: Ich bin etwas gedrückt vom schweren Thema des Filmes, aber zugleich sehr zufrieden.
Danach arbeite ich mich zum Ticketschalter im Pressebereich vor und hoffe darauf, alle Tickets zu bekommen. Das klappt im Allgemeinen bis auf wenige Ausnahmen gut. Stimmung: yes, Glück gehabt.
Danach geht’s quer durch West-Berlin zur nächsten Vorstellung. Die Bahn hat Probleme, weil dank Benjamin Netanjahu gerade gefühlt halb West-Berlin abriegelt wird. Stimmung: genervt. Auch dieser Film unterhält mich gut. Ich glaube ich hab ’nen Run. Stimmung: happy.
 
Ich verputze schnell einen Snack und schon geht’s wieder zurück zum Potsdamer Platz, dem Zentrum dieses Festivals. Jetzt stehen Kurzfilme auf dem Plan. Leider kann ich nicht bis zum Schluss bleiben, weil diese sich mit der Pressevorführung von Michael Moors neuer Doku „Where to Invade Next“ überschneidet. Diese geht klar vor, weil ich mich schon seit Tagen mega auf diesen Film freue. Die aktuelle Stimmungslage: 2 von 3 Kurzfilme enttäuschen; ich bin angespannt und hoffe auf den ersehnten Film. 
 
Als ich mich zu ebendiesem aufmache, bleibe ich in einer Traube Journalisten stecken. Endstation, die Vorführung ist absolut überfüllt. Da sitzen die Journalisten mal zur Abwechslung nicht nur am Rand. Meine Stimmung: Ich bin enttäuscht und verärgert. Hätte ich mich doch schon früher angestellt. Ich freue mich für Michael Moore über das große Medieninteresse. Diese Aufmerksamkeit fürs Projekt wünscht sich jeder Filmemacher. Erreichen tun das aber nur wenige. Gut für ihn, schlecht für mich.
 
Da diese Doku nun für mich flach fällt, habe ich eine Lücke im Plan von 2h 40min. Es ist mittlerweile 19:30 Uhr und ich werde müde. Soll ich jetzt so lange auf den nächsten Film warten? Ich könnte das Ticket einfach verfallen lassen. Was ist schon ein Film mehr oder weniger auf diesem riesigen Festival. Ich futtere kurz etwas, mache ein paar Fotos vom Geschehen und entscheide mich für’s Warten. Dabei blogge ich auf meinem Handy. Als ich mich endlich in den Kinosessel werfe, hoffe ich, dass ich nicht während der Vorstellung einschlafe. Zum Glück ist der Film absolut großartig, er zählt sogar für mich zu den Highlights. Meine Stimmung: zufrieden. 23:00 Uhr mache ich mich auf den Weg nach Hause. Jetzt wird noch ca. 2h gebloggt und morgen geht’s wieder von vorn los. Ich freu mich drauf.
 

Filmkritik zu „La Rout tu istanbul“

Darum geht’s 
Mutter wohnt mit ihrer Tochter allein in einem wunderschönen Haus auf dem Land.  In ihrem Alltag hat sie gut zutun. Eines Tages verschwindet ihrer Tochter und lässt sie in Angst mit vielen Fragen zurück.
die Hauptdarstellerinnen

die Hauptdarstellerinnen

Nach und nach findet sie heraus, dass der wertvollste Mensch in ihrem Leben heimlich ein Doppelleben führt. Ohne ihr Wissen konvertierte die Tochter zum Islam und reiste mit einem jungen Mann auf Umwegen in die Türkei, um nach Syrien in den heiligen Krieg zu ziehen. Einzig das Handy bildet nun eine sehr dünne Verbindung zwischen den beiden Frauen. Als die Mutter beschließt, ihr nachzureisen, taucht sie in eine Fremde Welt ein, in der Hoffnung, ihre Tochter noch lebend zu finden.
 
Meine Einschätzung dazu
In diesem Thema steckt eine Menge Sprengkraft. Es ist gut, dass diese Geschichte erzählt wird. Dabei wagt der Film keinerlei Erklärungsversuche, sondern lässt die Protagonistin wie auch die Zuschauer mit der wichtigsten Frage allein: Warum?
Dem Titel geschuldet frage ich mich zu Beginn des Filmes, wann es endlich in Richtung Istanbul geht. Als sie dann endlich aufbricht bin ich voll bei der Helden und fiebere mit ihr. Gemeinsam klammern wir uns an jedem Strohhalm von Informationen. Ich frage mich ständig, was ich an ihrer Stelle tun würde. Klasse, so muss Kino sein. Am Ende entlässt mich der Film mit diversen Fragen zu diesem Thema; Fragen, die wir uns alle stellen sollten.
 
Sehenswert für…
  • Alle!
 
Besonders sehenswert für…
  • Kollegen, die Projekte mit Flüchtlingsbezug planen
  • Kollegen mit Geschichten im Gepäck über Protagonisten, die suchen, kämpfen, verzweifeln und Angst haben
  • Produzenten, die mit wenig Geld einen Krieg darstellen wollen
 
 

Filmkritik zu „Die dunkle Seite des Mondes“

Darum geht’s 
Urs ist ein erfolgreicher Anwalt für Unternehmensfusionen. Das Leben in der Großstadt meistert er problemlos, doch er fühlt in sich eine Leere. Er hat seine Verbindung zur Natur verloren. Deshalb ist es kein Zufall, als ihn seine Sehnsucht in die Hände von Lucille treibt, einer einfachen Frau, die Urs eine für ihn verlorene Welt zeigt. Doch dabei weckt sie eine tief verborgene Natur in Urs – seine dunkle Seite. Er muss auf den richtigen Weg zurückfinden, bevor er zu viel Schaden anrichtet.
 

2 Produzenten, Darstellerin, Drehbuch und Regie

Meine Einschätzung 
Vielleicht fragt ihr euch, warum ich hier über einen Film schreibe, der bereits 6 Wochen im Kino läuft. Das Festival zeigt in der Sektion LOLA at Berlinale deutsche Produktionen für’s internationale Publikum.
 
Dieser Film ist gutes Popcorn-Kino. Die Handlung kommt knackig voran. Die Stimmung ist wunderbar düster und atmosphärisch. Da schaue ich gern über kleine Schwächen hinweg. Für mich ist dieser Film ein Beispiel dafür, dass wir in Deutschland gute Filme machen können, die nicht nach Fernsehen aussehen.
 
Sehenswert für…
  • Regisseure und Schauspieler, die WUT sowie Drogentrips inszenieren wollen
  • Fans von Brutalität
 

 

Filmkritik zu „Carousel“ (Kurzfilm)

Ein Mann und eine junge Frau unterhalten sich. Er gibt ihr schwere, philosophische Worte weiter, die als Sprüche vor Naturfotografien via Facebook geteilt werden könnten. Sätze wie: Dein Leben beginnt jetzt. Und jetzt. Und jetzt.
Danach gibt die Frau die Sätze an uns Zuschauer weiter.
 
Meiner Meinung nach ist das die ziemlich plumpeste, uneleganteste Art, solche Sätze zu kommunizieren. Auf Facebook hat man wenigstens noch schöne Naturaufnahmen.
 

Filmkritik zu „Lechez – nous Miaou, Miaou!“ (Kurzfilm)

Die junge Jeanette will Sex. Die Erwachsenen verbieten es. Heimlich passiert es trotzdem hinter dem Kirchaltar. Als ihr Ärger droht, dreh sie den Spieß um. Plötzlich ist Sex gut und Kein-Sex schlecht.
 
Das klingt bei weitem spannender, als es auf der Leinwand inszeniert wurde. Dieser Film erreichte mich nicht, kam aber bei den anderen Zuschauern recht gut an.
 

Filmkritik zu „Refugee Blues“ (Kurzfilm)

Wir bekommen Zelte, Kleine Feuerstellen und Polizisten in Uniformen zu sehen. Die Bilder zeigen das, was Flüchtlinge derzeit ihren Alltag nennen. Dazu wird im Voiceover von einem Flüchtling ein passendes Gedicht von W.H. Auden vorgetragen.
 
Die Stimmung ist drückend, die Bilder hart. Obwohl es in dem Gedicht um Flüchtlinge des 2. Weltkrieges geht, passen die Worte absolut auf die heutige Zeit. Klasse! So funktionieren politische Kurzfilme.
 

Filmkritik zu „Lotte“

Darum geht’s 
Lotto ist eine erwachsene Frau, die sich durch ihr Leben schleift. Sie schläft mal hier mal dort, mal mit diesem mal mit jenem. Es ist ihr egal, was andere denken. Sie säuft, raucht und schnupft was sie will, wann sie will und wieviel sie will. Auf einmal taucht ihr Tochter auf, die sie vor 15 Jahren ihrem Erzeuger überlassen hat. Während sie ihre Tochter runterzieht, versucht diese, ihre Mutter hochzuziehen. Wo werden die beiden nur landen?
 
Kamera, Darstellerinnen, Regie, Produktion und Schnitt

Kamera, Darstellerinnen, Regie, Produktion und Schnitt

Meine Einschätzung 
Dieser Film zählt zu meinen bisherigen Highlights dieser Berlinale. Die Figur der Lotte ist so unterhaltsam, ich hätte ihr noch Stunden zuschauen können.
Dabei ist dies keine Hochglanzproduktion. Man sieht dem Film hier und da das wenige Budget an; das irre daran ist jedoch, dass genau das super zum Stoff passt! Danke für dieses unterhaltsame Werk.
 
Sehenswert für…
  • alle Nachwuchsfilmer
  • Fans besonderer Charaktere
 
 
 
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