Tag 3 – über Sitzplatzvorlieben, Kinderträume und Bloggertreffen

Wenn ihr ins Kino geht, wo sitzt ihr dann am liebsten? Parkett oder Loge? Meinen Sitzplatz mache ich vorrangig von der Größe der Leinwand abhängig, denn am liebsten sitze ich so, dass diese den Großteil meines Blickfeldes einnimmt, ohne dass ich dabei nach oben schauen muss. Daraus ergibt sich meist ein Platz in den oberen Reihen des Parketts, Mitte-Mitte quasi. Auch wenn ihr dieses Thema nicht so ernst seht, schaut ihr zumindest nicht gern seitlich auf die Leinwand, oder? Das scheint nicht für jeden zuzutreffen.
 
Bei der Vorführung des ersten Filmes auf meinem Plan heute, handelte es sich um eine Pressevorführung. Nachdem ich mich auf meinen „Stammplatz“ Mitte-Mitte ordentlich breit gemacht hatte, fiel mir in Bezug auf die Sitzplatzwahl ein unerwarteter Unterschied zum üblichen Publikum auf: Journalisten sitzen anders.
 
Presseleute verteilen sich im Kinosaal nämlich bevorzugt so, wie die Haare alter Männer – also am Rand. Der Grund dafür erklärte sich mir nach wenigen Minuten von selbst, denn nicht wenige Kollegen verließen die Vorstellung frühzeitig. Voll praktisch, denn so störte mich das Kommen und Gehen reichlich wenig. Allerdings war ich in meiner Mitte das nahezu letzte Haar auf der Glatze. Die Kollegen am Rand lenkten sich mit dieser komischen Sitte quasi trotzdem weiterhin gegenseitig ab, aber immerhin rücksichtsvoller. Was lernt man nicht alles auf der Berlinale. Zum Film selbst komme ich weiter unten im Artikel.
 
In der nächsten Vorstellung durfte ich eine weitere Besonderheit erleben. Dieses Mal schaute ich mir ein Werk aus der Sektion Generation Kplus an, also ein Kinderfilm. Das Werk mit dem Titel „Siv sover vilse“ wurde auf schwedisch gedreht und mit englischen Untertiteln gezeigt. Da aber die ganz Kleinen unter uns auch damit nix anfangen können, wurde der Film zusätzlich noch simultan auf Deutsch übersetzt. Das lief sogar live ab, sodass sich natürlich eine kleine Verzögerung ergab, bis ich unsere Muttersprache genießen konnte (Übrigens hat die Übersetzerin einen großartigen Job gemacht). 
 
Ihr kennt doch sicherlich alle das nervige Problem, dass man einfach alles Mögliche lesen muss, wenn man irgendwo aus dem Fenster schaut oder die Straße entlang geht. Selbst wenn man nichts lesen will, passiert es doch. Genau diesen Effekt hatte ich wiederum mit den englischen Untertiteln. Daraus ergab sich für mich am Anfang des Filmes ein mysteriöses Gefühl, als würde ich an einem Experiment zur Hirnforschung teilnehmen, um herauszufinden, wieviele Sprachen der Mensch wohl gleichzeitig verarbeiten könne. Nach kurzer Zeit gewöhnte ich mich aber doch daran. Klasse, was das Hirn des Menschen so alles leisten kann.
 
Das stand für mich heute auf dem Programm: 

FilmKritik zu Vlažnost (humidity)

Darum geht’s 
Als Geschäftsmann hat Petar gern die Zügel in der Hand. Er genießt die Kontrolle und Macht. Entsprechend unerwartet reagiert er, als seine Frau nicht mehr auftaucht. Der Held baut ein Lügengerüst auf, um den Schein zu wahren, dass alles großartig liefe. Gleichzeitig muss er mit dem Kontrollverlust in seiner Ehe klarkommen. Die Fassade beginnt zu bröckeln.
 
Meine Einschätzung 
Dieser Film ist ein mutiges Spielfilmdebüt des serbischen Regisseurs Nicola Ljucas; mutig deshalb, weil größtenteils der Alltag von Petar gezeigt wird und wie er ihn aufrechterhalten will. Wie ihr euch denken könnt, ist der Alltag normalsterblicher Mitbürger aber nicht unbedingt sehr aufregend. Für mich als Zuschauer bleibt diese Geschichte nur spannend, wenn Petar knapp an der Aufdeckung seiner Lügenwelt vorbeischrappt. Doch genau das passiert nicht. Petar behält souverän die Kontrolle. Das ist leider nicht sonderlich aufregend.
 
Hinzu kommen einige Szenen, die man getrost hätte rausschneiden können, da sie nichts zur Handlung beitragen. Mit einem so souveränen Helden würde diese Geschichte einen guten 20min Kurzfilm abgeben, aber keinen Langfilm.
 
Sehenswert für… 
  • alle, die in ihren Projekten mit der Darstellung von Körpern, nackter Haut und Sex zutun haben
  • für Freunde langsamer Erzählungen
 
 

Filmkritik zu Siv sover vilse (Siv sleeps astray)

Darum geht’s 
Irgendwann möchte jedes Kind zum ersten Mal bei einem Freund oder Freundin übernachten. An diesem Punkt steht die siebenjährige Siv. Sie nächtigt bei ihrer neuen Klassenkameradin Cerisia aus dem fernen Stockholm. Sowohl die Wohnung, als auch die Gewohnheiten der Familie machen einen umgewöhnlichen Eindruck auf das Mädchen. Die Magie dahinter entfaltet sich erst recht, als Siv zu Bett geht und beginnt zu träumen.
 
Meine Einschätzung 
Regisseurin, 2 Darstellerinnen und Übersetzerin

Regisseurin, 2 Darstellerinnen und Übersetzerin

Hach wie schön. Dieser Film ist ein klasse Beispiel dafür, wie man mit wenigen Schauplätzen viel erzählen kann, ohne dabei langweilig zu wirken. Dieses Werk ist einfach so zuckersüß, dass ich es knuddln möchte. Die Kameraarbeit ist wunderbar sanft; die Farben sind bunt, ohne dabei zu aufdringlich zu werden; selbst die zahlreichen Computereffekte sind hübsch gelungen. Dieser Film ist nicht nur handwerklich gut gemacht, sondern wirkt auch noch im Kopf nach, trotz des Handicaps der Simultanübersetzung. Ich kann euch diesen Film sehr empfehlen und hoffe, dass er einen Verleiher in Deutschland finden wird.
 
Als sei das nicht schon schön genug, stellen die jungen Zuschauer auch noch nach der Vorstellung den beiden Darstellerinnen so putzige Fragen wie: Was ist dein Lieblingsessen? Und wie alt seid ihr? Awwwww.
 
Sehenswert für…
  • Zuschauer, die Traumdarstellungen im Film lieben
  • Autoren von Kinderstoffen
  • Fans von Kinderfilmen
 
 

Panel: Made in Germany – Reden über Film. 5 Jahre Förderpreis

Zum 5-jähigen Jubiläum des Förderpreises der Perspektive deutsches Kino von Glashütte wurden in diesem Panel die Gewinner eingeladen. Die Gäste hatten alle einen Film in der Sektion Perspektive deutsches Kino laufen. Daraufhin wurden sie ausgewählt, um ein Exposé als Bewerbung um den Förderpreis einzureichen. Jede/r für sich gewann 15.000 € zur Ausarbeitung seines/ihres nächsten Drehbuches.
 
die Preisträger der letzten Jahre

die Preisträger der letzten Jahre

Sie berichteten von dem Gefühl, den Preis zu gewinnen und was sie daraus gemacht haben. Dabei wurde oft erwähnt, dass dieser Preis Freiheiten schaffte, die ohne diese Unterstützung nicht möglich gewesen wären. Neben dem Preisgeld ist wohl auch der bereitgestellte Mentor sehr viel wert, der die Entwicklung des Stoffes hin zum Drehbuch begleitet.
 

Blogger-Treff

Am Ende des Tages traf ich mich mit @alexmatzkeit, 2 Kollegen von @CineCouch, Christian von @2nd_unit uvm. Wir plauderten bei ein, zwei leckeren Getränken über die Berlinale und das Bloggen. Klasse, welche Interessanten Menschen man auf diesem Festival so kennenlernen kann. Übrigens, für Filmfans lohnt sich ein Blick auf deren Twitter-Feeds. Vielen Dank für dieses wundervolle Treffen.
 
Übrigens: Morgen werdet ihr keinen Artikel von mir zu lesen bekommen, da ich aus privaten Gründen einen Tag Pause einlege. Bis dahin wünsche ich euch noch einen schönen Tag.
 
Hast du meine letzten Berlinale-Artikel verpasst? Kein Problem – hier geht’s direkt dort hin:
 
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